Kurzessays

Inhalt

1. Hyper­mo­der­ne
2. Vir­tu­el­le Revie­re
3. Empa­thie und die Flücht­lings­fra­ge
4. Homo natu­ra­lis
5. Zeit­rei­sen – oder auch nicht
6. Der ehren­haf­te Rück­zug
7. Men­schen­wür­de als Pro­jek­ti­ve Kon­struk­ti­on
- Kom­men­ta­re bit­te auf der Blog­sei­te

Das Urhe­ber­recht für die­se Arti­kel liegt bei Peter W. Rich­ter. Detail­lier­te Lang­fas­sun­gen sind bei richter-​pehlitz@​freenet.​de erhält­lich.

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Men­schen­wür­de als Pro­jek­ti­ve Kon­struk­ti­on
2.4.2019
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1. Die Fei­er zum 10jährigen Bestehen des Deut­schen Ethik­ra­tes im Juni 2018 stand unter dem Mot­to „Men­schen­wür­de im Ange­sicht neu­er Tech­no­lo­gien“. Ein ele­men­ta­res The­ma, dro­hen unse­re ethisch-recht­li­chen Stan­dards bei der Regu­lie­rung des rasan­ten tech­ni­schen Fort­schritts doch stän­dig ins Hin­ter­tref­fen zu gera­ten. Stan­dards, die in Deutsch­land letzt­lich auf Arti­kel 1 des Grund­ge­set­zes fußen: „Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar“. Dazu mach­ten zahl­rei­che hoch­ka­rä­ti­ge Red­ner inter­es­san­te und facet­ten­rei­che Aus­füh­run­gen. Was mich jedoch am meis­ten beschäf­tig­te, waren die Fest­stel­lun­gen meh­re­rer Refe­ren­ten zum Begriff der „Men­schen­wür­de“ selbst. Er sei nicht trag­fä­hig, so hieß es, da zu unbe­stimmt. Er sei daher bewusst in eini­ge Ver­fas­sun­gen nicht auf­ge­nom­men wor­den. Bei­spiels­wei­se gehe es in den US-ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sungs­be­stim­mun­gen nicht um „human digni­ty“, son­dern um „pur­su­it of hap­py­ness“, also um die „Ver­wirk­li­chung des Glücks“.
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2. Tat­säch­lich ist das Phä­no­men der Menschwür­de in der Rea­li­tät schwer ding­fest zu machen. Was noch am kon­kre­tes­ten ist, ist ein bestimm­tes Ver­hal­ten älte­rer und/​oder arri­vier­ter Men­schen, das durch Ernst­haf­tig­keit und Gemes­sen­heit gekenn­zeich­net ist. Das ist jedoch nur zum kleins­ten Teil das, was das Gesetz meint. Aber was dann? Man könn­te auch noch eine gewis­se Abge­klärt­heit und cha­rak­ter­li­che Fes­tig­keit anfüh­ren. „Alles kann man uns rau­ben, aber die Wür­de, die kön­nen wir uns nur selbst neh­men“, heißt es. Doch ist es das, was allen Men­schen zukommt und was unan­tast­bar ist?

3. Was heißt über­haupt „unan­tast­bar“, ins Deut­sche über­setzt? Die Wür­de, falls es sie gibt, wird doch über­all ange­tas­tet – in Krie­gen, Unter­drü­ckung, Aus­beu­tung, Ungleich­be­hand­lung, man­geln­der Hil­fe­leis­tung. Heißt es nun: Die Wür­de „kann“ nicht ange­tas­tet wer­den? Oder: „darf“ nicht ange­tas­tet wer­den? Die Dar­stel­lung einer recht­li­chen For­de­rung als bereits ein­ge­tre­te­ne Tat­sa­che ver­leiht die­ser viel­leicht einen gewis­sen Nim­bus, als sei ihre Ver­let­zung voll­kom­men unmög­lich – die­ser typi­sche juris­ti­sche Sprach­ge­brauch der Fak­ti­sie­rung von Nor­men läuft aber ande­rer­seits Gefahr, vom Nor­mal­bür­ger nicht ganz ernst genom­men zu wer­den. Wie lau­tet das sieb­te christ­li­che Gebot? Du sollst nicht steh­len! In moder­nem Juris­ten­deutsch wür­de es wahr­schein­lich so for­mu­liert sein: Das Eigen­tum ande­rer Leu­te ist unan­tast­bar.

4. An die­ser Stel­le möch­te ich klar­stel­len, dass ich die Ten­denz, die ich hin­ter Art. 1 S. 1 GG sehe, voll­kom­men tei­le: Ande­re Men­schen sol­len geach­tet und geschützt wer­den. Mei­ne Kri­tik betrifft nur den offi­zi­el­len Sprach­ge­brauch.

5. Doch was ist nun die Wür­de, die das Gesetz meint? Leicht nach­voll­zieh­bar ist, dass das Wort ety­mo­lo­gisch etwas mit dem Begriff „Wert“ zu tun hat1. Bereits Kant2 hat sich dazu aus­führ­lich geäu­ßert und Wür­de sinn­ge­mäß als inne­ren Wert beschrie­ben, der nicht mit ande­ren Wer­ten ver­gleich­bar sei und aus per­sön­li­cher Selbst­be­stimmt­heit erwach­se (im Gegen­satz etwa zur „Ehre“, die aus Fremd­be­stim­mung her­vor­ge­he). Für vie­le kommt im Begriff der Men­schen­wür­de eine „Erha­ben­heit“ des Men­schen zum Aus­druck – der Mensch als Kro­ne der Schöp­fung; in neu­es­ter Zeit wird aber auch eine Wür­de der Tie­re oder der Natur im Gan­zen pos­tu­liert.

6. Wird der Begriff der Wür­de nicht ent­wer­tet, wenn qua­si alles eine Wür­de hat? Der Faden lie­ße sich ja noch wei­ter spin­nen und auf alles aus­deh­nen, das wir irgend­wie mögen, beson­ders pfle­gen oder ger­ne benut­zen, weil es – für uns – einen beson­de­ren Wert ver­kör­pert. Kann ein Auto, das so soli­de, zuver­läs­sig, nütz­lich und schön ist, eine Wür­de haben? Ein Werk­zeug? Hat­te zum Bei­spiel der Hut des Land­vog­tes Gess­ler, den Wil­helm Tell im bekann­ten Schil­ler-Dra­ma grü­ßen soll, eine Wür­de? Er war in der geschil­der­ten Situa­ti­on einem Hoheits­zei­chen gleich­ge­setzt, wie es etwa auch eine Staats­flag­ge dar­stellt, die in vie­len Län­dern unter beson­de­rem gesetz­li­chen Schutz steht. Die­se Ver­glei­che mögen uns bei­na­he zynisch erschei­nen, doch wei­sen sie auf unver­kenn­ba­re Ähn­lich­kei­ten in den Kon­stel­la­tio­nen hin.

7. Man könn­te nun argu­men­tie­ren, der Mensch habe immer­hin einen frei­en Geist, der ihn von allen ande­ren Geschöp­fen oder gar Sachen unter­schei­de. Und der ver­kör­pe­re den beson­de­ren Wert, sei eben die „Kro­ne der Schöp­fung“ und mache die beson­de­re Wür­de aus. Eines von vie­len pro­pa­gan­dis­ti­schen Mit­teln, das eige­ne Mili­tär auf einen Krieg ein­zu­stim­men, war es immer schon, dem Feind eben die­sen Wert abzu­spre­chen, ihn als min­der­wer­tig, als „Unter­men­schen“ zu dif­fa­mie­ren. Das baut die Hem­mung ab, ande­re Men­schen zu töten. Ande­re machen weni­ger intel­lek­tu­el­le Umstän­de und sagen direkt, egal auf wel­cher Ent­wick­lungs­stu­fe, der Mensch sei zu wür­di­gen, weil – und soweit – er „einer von uns“ sei. Wobei die­ses „Uns“ mehr oder weni­ger weit oder eng gezo­gen sein kann. Die­ses Motiv ist stam­mes­ge­schicht­lich tief in unse­rem Ver­hal­ten ver­wur­zelt: Schim­pan­sen oder Amei­sen wür­den es wohl eben­so for­mu­lie­ren, auf ihre jewei­li­ge Gemein­schaft bezo­gen, wenn sie denn spre­chen könn­ten. Damit ist ein drit­tes Argu­ment ange­spro­chen: Der Frie­de. Die Ach­tung der Men­schen­wür­de soll danach ganz prag­ma­tisch den Frie­den zwi­schen den Men­schen gewähr­leis­ten. Und in neue­rer Zeit eben auch den Frie­den mit der Natur.

8. Exkurs: Der Voll­stän­dig­keit hal­ber soll­ten wir uns fra­gen, ob es nicht noch ande­re Begrif­fe gibt, die in die glei­che Rich­tung zie­len, z.B.
- Hei­lig­keit
- Majes­tät
- Tabu
Oder Begrif­fe am ande­ren Ende der Ska­la, die also einen Unwert ver­kör­pern, z.B.
- Schan­de?
- Ver­wor­fen­heit?
- Min­der­wer­tig­keit?

All die­se Bei­spie­le zei­gen ein ähn­li­ches Mus­ter: Dort das Phä­no­men, das einen beson­de­ren Wert beinhal­tet – hier wir, die es „wür­di­gen“ sol­len. Bezie­hungs­wei­se sel­te­ner: gerig­schät­zen sol­len.

9. Zurück zu Kap. 7. Wir haben drei Argu­men­te für die „Men­schen­wür­de“ genannt. Doch wer vie­le Argu­men­te nennt, hat offen­bar kei­nes, könn­te man frei nach Kant sagen. Die „Men­schen­wür­de“ ist nicht, was sie zu sein vor­gibt: eine Eigen­schaft ihres Trä­gers. Sie exis­tiert nicht aus sich selbst her­aus. Oder anders aus­ge­drückt: Wenn es außer dem „Wür­di­gen“ nie­man­den sonst geben wür­de, gäbe es auch kei­ne Men­schen­wür­de. Sie exis­tiert allen­falls im Ver­hal­ten der Indi­vi­du­en unter­ein­an­der. Aus der gegen­sei­ti­gen Rück­sicht­nah­me könn­te man zwar ver­sucht sein zu schlie­ßen, dass der Grund dafür im „Gewür­dig­ten“ selbst lie­ge – eben sei­ne Wür­de –, doch empi­risch nach­wei­sen lie­ße sich eben nur das Ver­hal­ten.

10. Unstrit­tig dürf­te hin­ge­gen sein, dass die­ses Ver­hal­ten – unab­hän­gig vom Begriff – einer ethi­schen Norm folgt, wie wir sie auch von den Zehn Gebo­ten her ken­nen. „Du sollst Vater und Mut­ter ehren“ – das vier­te Gebot z.B. geht in eine ähn­li­che Rich­tung3. Hier ist die Sache klar: Die Gebo­te stam­men von Gott, und ihr Auf­for­de­rungs­cha­rak­ter ist unmiss­ver­ständ­lich. Beim Grund­ge­setz ist die Sache etwas anders: Zwar wird in der Prä­am­bel Gott erwähnt („Im Bewusst­sein sei­ner Ver­ant­wor­tung vor Gott und den Men­schen …“), doch wird auch klar­ge­stellt, dass „sich das Deut­sche Volk […] die­ses Gesetz gege­ben“ hat. Dar­aus könn­te man schluss­fol­gern, dass das Grund­ge­setz – auf Umwe­gen – doch auf gött­li­chen Nor­men beruht, sozu­sa­gen die Kon­kre­ti­sie­rung dif­fu­ser höhe­rer Moral­vor­ga­ben dar­stell, und dass das „Geben“ durch das Volk ledig­lich die tech­ni­sche Über­mitt­lung betrifft. Lässt man Gott hin­ge­gen aus der Betrach­tung, so stellt jetzt die „Ver­ant­wor­tung“ die neue Zau­ber­for­mel dar. Womit man das scho­las­ti­sche Ver­wirr­spiel nur um ein neu­es Wort erwei­tert hat.

11. Lehnt man eine Got­tes­vor­stel­lung als Basis für Geset­ze ab, so bleibt nur eine welt­li­che Ethik, die jedoch logisch nicht begrün­det wer­den kann und sich auf Hilfs­vor­stel­lun­gen stüt­zen muss. so wun­dert es nicht, dass in über drei­tau­send Jah­ren Phi­lo­so­phie (Chi­na und Indi­en ein­ge­rech­net) unzäh­li­ge Moral­sys­te­me und Sit­ten­leh­ren ent­stan­den sind. Das Wohl­erge­hen des Ein­zel­nen, der Gemein­schaft, die Pflicht, der „mora­li­sche Sinn“ und vie­les mehr wur­den zu „Krü­cken“ für hoch­kom­pli­zier­te Lehr­ge­bäu­de. Zwar gab es auch eine Gegen­be­we­gung, die sol­che Krü­cken ablehn­te, indem sie fest­stell­te, dass Nor­men grund­sätz­lich nicht aus dem Fak­ti­schen ent­wi­ckelt wer­den könn­ten – dass man also nicht sagen kön­ne: Es ist so, also soll es so sein –4, den­noch bleibt einer welt­li­chen Phi­lo­so­phie fak­tisch nichts Ande­res übrig, als eben so zu for­mu­lie­ren. Dabei erweist sich aus mei­ner Sicht eine Ethik, die sich auf evolut­o­risch gewach­se­ne Ver­hal­tens­wei­sen stützt, noch als die am wenigs­ten ver­krampf­te. Es ist ein­fach ver­blüf­fend, wenn Ver­hal­tens­for­scher fest­stel­len, dass auch inner­halb einer Grup­pe von Schim­pan­sen ähn­li­che Ver­hal­tens­mus­ter gel­ten wie in mensch­li­chen Gemein­schaf­ten: Rang­ord­nung, Kampf­re­geln, Streit­schlich­tung, Freund­schaf­ten, Alli­an­zen, Altru­is­mus, usw..5 Die­se inner­lich ange­leg­ten Ver­hal­tens­vor­ga­ben wür­den sich uns dann über ein mora­li­sches Emp­fin­den mit­tei­len. Dies wur­de von den Ver­tre­tern der Moral-Sen­se-Ethik6 und ihren moder­nen Nach­fol­gern so gese­hen. Doch hier gibt es zwei Pro­ble­me:

- Das mora­li­sche Emp­fin­den ver­sagt bei kom­pli­zier­ten Pro­blem­stel­lun­gen der moder­nen Welt (z.B. Stamm­zel­len­for­schung, Ein­grif­fe in das mensch­li­che Gehirn).
- Es ist von Mensch zu Mensch ver­schie­den.
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12. Wenn sich Men­schen zusam­men­tun und über ethi­sche Fra­gen dis­ku­tie­ren, tun sie im Grun­de dies:

- Sie ver­su­chen, mit Hil­fe von Begriffs­schär­fun­gen, all­ge­mei­nen The­sen und ana­lo­gen Bei­spie­len ihr mora­li­sches Emp­fin­den auf den frag­li­chen Fall aus­zu­le­gen und
- sich auf eine gemein­sa­me Ein­stel­lung zu eini­gen.
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Ein Ergeb­nis die­ses Pro­zes­ses ist zum Bei­spiel das vor­han­de­ne Rechts­sys­tem. Doch das macht den wei­te­ren Dis­kurs nicht über­flüs­sig, denn die äuße­ren Bedin­gun­gen die­ser Regel­wer­ke sind in stän­di­ger Bewe­gung – und dies immer schnel­ler und hin zu grö­ße­rer Kom­ple­xi­tät. Ethik als Vor­stu­fe zum Gesetz sieht sich immer neu­en Her­aus­for­de­run­gen gegen­über­ge­stellt. Dem trägt auf insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne z.B. der Deut­sche Ethik­rat, der das Par­la­ment berät, Rech­nung. Doch auch bei jeder Dis­kus­si­on am Bier- bzw. Kaf­fee­tisch spie­len ethi­sche Aspek­te eine Rol­le, denn es geht meis­tens nicht nur um bes­se­res Wis­sen, son­dern auch um Bewer­tun­gen, um „Ein­stel­lun­gen“. Muss man sein Kind imp­fen las­sen, um einer natio­na­len Gesund­heits­stra­te­gie zu genü­gen? Ist die Ent­las­sung von Tau­sen­den Beschäf­tig­ter gerecht­fer­tigt, um mit­tels einer Unter­neh­mens­fu­si­on den Akti­en­wert zu stei­gern? Ist der Kapi­ta­lis­mus mit der „Men­schen­wür­de“ ver­ein­bar?

13. Damit kom­men wir zum Aus­gangs­punkt die­ser Aus­füh­run­gen zurück, der „Men­schen­wür­de“. Ethik ist kein frei­schwe­ben­des Gedan­ken­kon­strukt, sie stellt eine unab­ding­ba­re Grund­la­ge für das Han­deln von Staat, Wirt­schaft, Ver­ei­ni­gun­gen und Pri­vat­per­so­nen dar. Aus der Not­wen­dig­keit, die eige­nen Aktio­nen zu begrün­den, erwächst auch das Stre­ben, die zu Grun­de lie­gen­den „Wer­te“ an Staats­bür­ger, Kun­den und sons­ti­ge Betei­lig­te zu ver­mit­teln. Kurz: Auch Ethik unter­liegt dem Mar­ke­ting.

14. In frü­he­rer Zeit übten Kai­ser und Köni­ge ihr Amt „von Got­tes Gna­den“ aus; die­se ele­gan­te Unter­maue­rung obrig­keit­li­chen Han­delns ist heu­te ent­fal­len bzw. auf die erwähn­te Flos­kel der GG-Prä­am­bel geschrumpft. Statt des­sen bedient man sich einer Eigen­tüm­lich­keit der Spra­che, Din­ge zu „ver­we­sent­li­chen“, wie ich es ein­mal nen­nen möch­te7. Wenn der Mond am Him­mel „wacht“, eine ein­ge­ros­te­te Schrau­be „wider­spens­tig“ ist, ein neu­es Auto einen „mas­ku­li­nen Auf­tritt“ hat, kommt dies mei­ner Vor­stel­lung schon sehr nahe.

15. Ich mei­ne aber den Son­der­fall, wo einem Objekt Eigen­schaf­ten zuge­schrie­ben wer­den, die es schein­bar mit einer beson­de­ren Auto­ri­tät aus­stat­ten, die aber aus ihm selbst nicht begründ­bar ist. Das ist bei vie­len Rechts­be­grif­fen der Fall. Wenn der Neu­bau eines Hau­ses in frei­er Land­schaft „unzu­läs­sig“ ist, so ist dies kei­ne Eigen­schaft des Gebäu­des, denn in ande­ren Län­dern wäre des­sen Errich­tung sehr wohl „zuläs­sig“. Es ist der Aus­fluss eines städ­te­bau­li­chen Para­dig­mas, das die „Zer­sie­de­lung“ (Die­ser Begriff ist auch nicht bes­ser. Man ver­sucht, einen frag­wür­di­gen Begriff durch einen ande­ren eben­sol­chen zu begrün­den.) ver­mei­den will. Letz­te­rer Begriff weist auf wei­te­re Bei­spie­le der All­tags­spra­che hin: „Unkraut“, „Raub­tier“, „Unhold“. All die­sen Bezeich­nun­gen ist eines gemein: Die zuge­schrie­be­ne Eigen­schaft ist nicht oder kaum im Objekt der Bezeich­nung nach­weis­bar – sie beinhal­tet aber impli­zit eine Hand­lungs­an­wei­sung, wie mit der Sache umge­gan­gen wer­den soll. Das Haus soll nicht gebaut wer­den, das Unkraut bekämpft, das Raub­tier fern­ge­hal­ten und der Unhold bestraft wer­den.

16. Bei den letzt­ge­nann­ten Bei­spie­len fällt die Begrün­dung nicht schwer, sie ist zumin­dest irgend­wie plau­si­bel. Dies ist bei Rechts­be­grif­fen, bei man­chen Schlag­wor­ten der Kun­den­wer­bung oder reli­giö­sen bzw. poli­ti­schen Bot­schaf­ten nicht immer der Fall. Ins­be­son­de­re dann nicht, wenn die wah­ren Beweg­grün­de der Beein­flus­sung im Dun­keln blei­ben sol­len – weil sie, wären sie bekannt, aus den ver­schie­dens­ten Grün­den auf Ableh­nung oder zumin­dest auf Hin­ter­fra­gung sto­ßen wür­den. Des­halb wird so getan, als hät­ten die Wor­te ein eige­nes Wesen, ähn­lich Pla­tons Ideen, und wür­den aus eige­ner Kraft die Welt regie­ren. So z.B. bei den Men­schen­rech­ten und beim Völ­ker­recht – man behan­delt inter­na­tio­na­le Ver­trä­ge so, als hand­le es sich um Prin­zi­pi­en, die auch ohne Zutun des Men­schen exis­tier­ten. Magisch und zwin­gend. Doch im Grun­de han­delt es sich nur um mora­li­sche Posi­tio­nen, die sich die betei­lig­ten Staa­ten zu eigen gemacht und in natio­na­les Recht über­nom­men haben.

17. Bei vie­len die­ser „ver­we­sent­lich­ten Begrif­fe“ kann böser Wil­le aus­ge­schlos­sen wer­den. So auch bei der „Men­schen­wür­de“ des Grund­ge­set­zes. Doch was steckt dann hin­ter die­sen Kon­struk­tio­nen? Zu ver­mu­ten ist, dass uns das besag­te „mora­li­sche Emp­fin­den“ auf­for­dert, sich so und so zu ver­hal­ten, doch bleibt uns die­ser Zuruf unbe­wusst oder zumin­dest uner­klär­lich. Man kann nicht begrün­den, war­um man sich tugend­haft beneh­men will, aber den­noch will man es, hält es für selbst­ver­ständ­lich. Um die­ses selbst­ver­ständ­li­che Ver­hal­ten für alle ver­bind­lich zu machen, greift man zur Ver­we­sent­li­chung, pro­ji­ziert die Hand­lungs­auf­for­de­rung in das Objekt selbst hin­ein und ver­sieht es durch gestelz­te Begleit­for­mu­lie­run­gen mit einem gewis­sen Nim­bus.

18. Man kann die­sen Effekt „pro­jek­ti­ve Kon­struk­ti­on“ nen­nen. Was ver­ste­he ich dar­un­ter? Zur Beant­wor­tung die­ser Fra­ge ist ein kur­zer Rück­griff auf das Wesen der Erkennt­nis, der Kogni­ti­on, hilf­reich.

(a) Wir kön­nen die Din­ge nicht so wahr­neh­men, wie sie sind. Wir sehen Wel­len­län­gen als Far­ben, emp­fin­den Mole­kül­be­we­gun­gen als Wär­me etc..

(b) Wir ver­bin­den das Wahr­ge­nom­me­ne mit Asso­zia­tio­nen, also Erin­ne­run­gen, Wert, Dis­kurs etc.. Die wich­tigs­te Zuschrei­bung ist das Wis­sen, wie mit der Sache umzu­ge­hen sei.

(c ) Wir ver­qui­cken in Son­der­fäl­len bestimm­te Zuschrei­bun­gen mit dem Objekt selbst und benen­nen es ent­spre­chend. Das tun wir, um im gesell­schaft­li­chen Rah­men zu einem bestimm­ten Umgang mit der Sache auf­zu­for­dern. Dies ist in der Regel empi­risch begründ­bar: „Unkraut“ ver­drängt Kul­tur­pflan­zen und soll daher ver­nich­tet wer­den.

Bei all die­sen Bei­spie­len geht es immer um das beob­ach­te­te Objekt. Die „pro­jek­ti­ve Kon­struk­ti­on“ ist aber noch ein­mal enger gefasst, näm­lich

(d) Wenn es dar­um geht, ein bestimm­tes Ver­hal­ten zu erzwin­gen, destil­lie­ren wir die Zuschrei­bung aus dem Objekt her­aus und ver­lei­hen ihr einen Eigen­wert, sozu­sa­gen eine magi­sche Kraft. Es geht nicht mehr um den wür­di­gen Men­schen, son­dern um den Geist der Men­schen­wür­de, der ihm inne­wohnt. Dies erin­nert an die anti­ke Göt­ter­welt und ist empi­risch nicht mehr begründ­bar.

Die­ses Vor­ge­hen mag man als Mani­pu­la­ti­on durch media­le Mäch­te emp­fin­den und auch häu­fig Recht behal­ten. Doch es gibt auch noch eine zwei­te, hier schon erwähn­te Mög­lich­keit:

zu (d) Wenn uns unser inne­res Emp­fin­den sagt, wie wir uns ver­hal­ten sol­len, wir dies aber nicht begrün­den kön­nen – es qua­si für „selbst­ver­ständ­lich“ hal­ten – dann bedie­nen wir uns des Kunst­griffs, unse­re inne­re Stim­me in das Objekt, um das es geht, hin­ein zu pro­ji­zie­ren. Aus unse­rer Nei­gung, unser Gegen­über freund­lich zu behan­deln, wird plötz­lich des­sen „Men­schen­wür­de“, die uns zu einer gewis­sen Ehr­erbie­tung zwingt.

Wür­den wir im Stil der Zehn Gebo­te sagen: „Du sollst dei­nen Mit­men­schen ach­ten“, liegt die Gegen­fra­ge nahe: „Wer sagt das?“ Und schon wäre man in der Dis­kus­si­on. Eine pro­jek­ti­ve Kon­struk­ti­on bie­tet für eine sol­che Skep­sis kei­nen Ansatz­punkt. Sie ist dif­fus, magisch, zwin­gend. Dies ist wohl einer der Grün­de, war­um man in Geset­zes­tex­ten so oft die­sen Kunst­griff ver­wen­det: Die Bestim­mun­gen sol­len nicht ange­zwei­felt wer­den. Dass es auch anders gin­ge, zei­gen weni­ger hoch­ran­gi­ge Geset­ze, z.B. das deut­sche Tier­schutz­ge­setz: Nie­mand darf einem Tier ohne ver­nünf­ti­gen Grund Schmer­zen, Lei­den oder Schä­den zufü­gen.“8

19. Soll­ten wir also die „pro­jek­ti­ven Kon­struk­tio­nen“ nach Mög­lich­keit ver­mei­den? Weil sie uns Tat­be­stän­de vor­gau­keln, die nicht exis­tie­ren? Soweit wie mög­lich – ja. Sie pas­sen zu einem Obrig­keits­staat, aber nicht in eine trans­pa­ren­te, selbst­be­wuss­te demo­kra­ti­sche Gesell­schaft. Es wür­de den gemein­schaft­li­chen Zusam­men­halt stär­ken, wenn wir das Gefühl hät­ten, unse­re Ver­hal­tens­re­geln selbst beschlos­sen zu haben und nicht anony­men Geset­zen mit magisch-zwangs­haf­ter Wesen­haf­tig­keit zu unter­lie­gen. Wäre es der Umset­zung mora­li­scher oder recht­li­cher Nor­men denn so abträg­lich, wenn wir sie als das Pro­dukt unse­rer Volks­ver­tre­tung anse­hen wür­den? Dies soll­te doch Nim­bus genug sein! Und die Schwel­le, dar­über immer wie­der neu zu dis­ku­tie­ren, her­ab­set­zen.

20. Ganz ver­ban­nen soll­te man die pro­jek­ti­ven Kon­struk­tio­nen m.E. jedoch nicht. Dies machen Sät­ze wie „Es geht um die Men­schen­wür­de“ deut­lich. Der Begriff ist ein­fach zu prak­tisch. Wenn wir statt des­sen sagen wür­den: „Es geht dar­um, ande­re Men­schen zu ach­ten“, so wäre dies etwas umständ­li­cher. Doch man merkt schon, dass das „Ach­ten“ näher an der Ver­wirk­li­chung liegt als die „Wür­de“. Die Ver­we­sent­li­chung von Eigen­schaf­ten als pro­jek­ti­ve Kon­struk­ti­on ist letzt­lich ein Relikt eines auto­ri­tä­ren Staa­tes, ein alter Zopf. Doch müs­sen nicht rest­los alle Zöp­fe abge­schnit­ten wer­den.

Ich wür­de die Men­schen­wür­de als ethi­sche bzw. mora­li­sche For­mel bei­be­hal­ten, aber aus dem Geset­zes­text strei­chen.

1Sie­he Duden Bd. 7, Her­kunfts­wör­ter­buch, hier: Aus­ga­be 1963, Stich­wort „Wür­de“.

2Vgl. u.a. Wör­ter­buch der phi­lo­so­phi­schen Begrif­fe, Felix Mei­ner Ver­lag 2013, Stich­wort „Wür­de“.

3For­mu­lie­rung ent­spre­chend https://​www​.ekd​.de/​Z​e​h​n​-​G​e​b​o​t​e​-​1​0​8​0​2​.​htm

4Vgl. Stich­wor­te „Natu­ra­lis­ti­scher Fehl­schluss“, „Hume­sches Gesetz“.

5Vgl. z.B. F.d. Waal, Pri­ma­ten und Phi­lo­so­phen, dtv 2011.

6Vgl. u.a. D. Hume (1711 – 1776) sowie die spä­te­ren natu­ra­lis­ti­schen Intui­tio­nis­ten.

7Sicher­lich haben die Lin­gu­is­ten einen ein­ge­führ­ten Fach­aus­druck dafür.

8Tier­schutz­ge­setz vom 18. Mai 2006, zuletzt geän­dert 17. Dezem­ber 2018, § 1 S. 2

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Der ehren­haf­te Rück­zug                                                                              
26.3.2019
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Im Som­mer 1988 war ich in Süd­eng­land mit dem Fahr­rad unter­wegs. Zu den schöns­ten Ein­drü­cken gehör­te damals die Steil­küs­te im Süden Corn­walls. Ich erin­ne­re mich noch, wie ich dort auf dem Smugg­lers’ Path spa­zie­ren ging – im Blick die Som­mer­flie­der­bü­sche am Weg und tief unten das glän­zen­de Meer.
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Plötz­lich kamen mir zwei Hun­de ent­ge­gen­ge­rannt, offen­sicht­lich nicht in freund­li­cher Absicht. Sie schie­nen nicht son­der­lich gefähr­lich – For­mat klei­ne Schä­fer­hun­de, Ras­se unbe­stimmt –, aber den­noch war Vor­sicht gebo­ten – sie waren immer­hin zu zweit. Ich blieb ste­hen (das hat­ten mir mei­ne Eltern bei­gebracht, als ich klein war) und war­te­te ab. Die Hun­de kamen auf etwa zwei Meter her­an und bell­ten hef­tig. Das ging eine Wei­le so, ohne dass sich eine Ände­rung abzeich­ne­te. Die Hun­de ver­tei­dig­ten wohl ihr Revier, das schien mir plau­si­bel, doch war mir unklar, wie ernst sie es mein­ten und wie mutig sie waren.

Schließ­lich beschloss ich, vor­sich­tig den Rück­zug anzu­tre­ten. Ich beweg­te mich zen­ti­me­ter­wei­se rück­wärts, für die Hun­de wohl wahr­nehm­bar, kam dabei aber fak­tisch kaum von der Stel­le. Ich woll­te unbe­dingt den Ein­druck der Flucht ver­mei­den, was sie sicher­lich zur Ver­fol­gung ange­spornt hät­te. Nach end­lo­sen wei­te­ren Minu­ten ver­stumm­te der eine Kläf­fer plötz­lich, als sei ihm das Spiel all­mäh­lich zu dumm, kehr­te um und trot­te­te davon. Der ande­re sah sich nach ihm um (ent­rüs­tet? – so schien es), bell­te noch eine Wei­le wei­ter; dann gab auch er auf.

Was war gesche­hen? Ich deu­te die­sen Vor­gang so: Die Hun­de erkann­ten, dass sie den „Ein­dring­ling“ erfolg­reich abge­schreckt hat­ten, aber wei­ter auf­pas­sen muss­ten, dass er nicht doch noch einen Vor­stoß wag­te. Mei­ne minu­tiö­sen Rück­schrit­te mach­ten ihnen klar, dass das wohl nicht pas­sie­ren wür­de, so dass sie die Akti­on abbre­chen woll­ten. Dabei durf­te jedoch nicht der Ein­druck ent­ste­hen, dass sie es waren, die die Flucht ergrif­fen. Auf die­se Wei­se ent­fern­ten sich bei­de Sei­ten lang­sam von ein­an­der, Zug um Zug. Kei­ner war ein Feig­ling, für bei­de Sei­ten war der Rück­zug ehren­haft.

Ich gebe zu: Es steckt viel Inter­pre­ta­ti­on in die­ser Deu­tung. Ich hät­te den Vor­fall auch ver­ges­sen, wäre ich nicht immer wie­der in Situa­tio­nen gera­ten, die ich als ähn­lich emp­fand. Bei­spiels­wei­se bei einem Glücks­spiel: Man kann schlecht auf­hö­ren, wenn man gera­de eine Pech­s­trä­ne hat. Das wäre viel­leicht sinn­voll, stimmt aber doch zu pes­si­mis­tisch für die Zukunft. Nie­mand geht ger­ne als Ver­lie­rer vom Platz. Eben­so­we­nig kann man eine Glücks­s­trä­ne abbre­chen, das wäre ja gera­de­zu dumm. Was man braucht, ist der klei­ne Sieg nach eini­gen Ver­lus­ten. Der „klei­ne Sieg“ ermög­licht den ehren­haf­ten Rück­zug.

Ein ande­res Bei­spiel sind die Leu­te, die immer das letz­te Wort haben wol­len. Sie füh­len sich als Ver­lie­rer, wenn sie ihren Kopf nicht wenigs­tens sym­bo­lisch durch­set­zen kön­nen. Ähn­lich ist es beim Feil­schen – bei­de Par­tei­en müs­sen das Gefühl haben, einen guten Deal gemacht zu haben. Man­che, die einer fixen Idee anhän­gen, ver­su­chen ihr Leben lang, sie tech­nisch umzu­set­zen und sehen ihren Stolz ver­letzt, wenn es wie­der ein­mal fehl­schlägt. Zum Bei­spiel Leu­te, die glau­ben, man kön­ne sich allein von Licht ernäh­ren (ein sehr extre­mes Bei­spiel, ich weiß. Aber es ist mir vor ein paar Tagen ent­ge­gen gekom­men. Einer hat es tat­säch­lich so weit getrie­ben, dass er ver­hun­gert ist). Schließ­lich ein Fall, den sicher man­che schon erlebt haben, die sich von ihrem Part­ner tren­nen woll­ten: Man möch­te nicht der­je­ni­ge sein, der ver­las­sen wird. Man möch­te selbst ver­las­sen, braucht aber irgend einen Anlass dazu. Und es soll­te mora­lisch in Ord­nung sein. So belau­ern sich bei­de womög­lich über Mona­te und war­ten auf den Augen­blick, wo der ande­re einen Feh­ler macht.

Sicher ist die Bedin­gung des ehren­haf­ten Rück­zugs, den ich hier ein­mal kurz „Ehrenzwang“ nen­nen möch­te, nicht der ein­zi­ge Beweg­grund in den geschil­der­ten Situa­tio­nen. Eben­so kann eine nar­ziss­ti­sche Stö­rung eine Rol­le spie­len. Bei genau­er Betrach­tung der früh­kind­li­chen Ent­ste­hungs­ge­schich­te einer sol­chen Stö­rung wer­den wir aber eben­so auf den Ehrenzwang sto­ßen, der damals exis­ten­zi­ell gebro­chen wor­den ist.

Der Ehrenzwang ist ein archai­sches Hand­lungs­mus­ter, das den in Kapi­tel „Homo Natu­ra­lis“ beschrie­be­nen Rou­ti­nen ent­spricht. Er ermög­licht die Sub­li­ma­ti­on eines aggres­si­ven Ver­hal­tens und hilft so, die Fik­ti­on des „Selbst“ auf­recht zu erhal­ten. Man möch­te damit sei­nen frei­en Wil­len bestä­ti­gen und sich ver­si­chern, dass man die Situa­ti­on trotz aller Wid­rig­kei­ten doch noch irgend­wie im Griff habe.
Das gan­ze Ehrenzwang-Sche­ma lässt sich etwa fol­gen­der­ma­ßen umrei­ßen:
- eine aggres­si­ve Aus­gangs-Moti­va­ti­on
- eine Serie von Miss­erfol­gen
- die intel­lek­tu­el­le Ein­sicht in die Sinn­lo­sig­keit wei­te­rer Ver­su­che
- die Unlust, auf­zu­hö­ren
- ein klei­ner Sieg, der das „Selbst“ bestä­tigt
- u.U. mora­li­sche Recht­fer­ti­gung.

Was kann uns nun die­se Erkennt­nis nüt­zen? Viel­leicht hilft sie uns per­sön­lich, mit als sinn­los erkann­ten Bestre­bun­gen auf­zu­hö­ren, indem wir den „klei­nen Sieg“ als Chan­ce begrei­fen, end­lich los­zu­las­sen. Wich­ti­ger ist viel­leicht noch die Ein­sicht, sei­nen Gegen­über nicht unnö­tig in einer Wei­se nie­der­zu­ma­chen, die sei­nen Stolz ver­letzt (eigent­lich eine bana­le Erkennt­nis). Schließ­lich gibt es für jeden Stand­punkt Argu­men­te, und auch eine ver­meint­lich fal­sche Mei­nung ist irgend­wie nach­voll­zieh­bar.

Schließ­lich ist kann das Kon­zept des „Ehrenzwangs“ auch in der Psy­cho­the­ra­pie nütz­lich sein, indem es dem The­ra­peu­ten hilft, eben jene Situa­ti­on zu erken­nen bzw. her­bei­zu­füh­ren, die dem Pati­en­ten wie­der den Weg zurück zu sei­ner Auto­no­mie berei­tet.


Zeit­rei­sen – oder auch nicht
24.3.2019
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1. In dem Buch „Kur­ze Ant­wor­ten auf gro­ße Fra­gen“ nimmt der berüm­te Phy­si­ker Ste­phen Haw­king Stel­lung zu ver­schie­de­nen vul­gär­wis­sen­schaft­li­chen Fra­gen1. In Kapi­tel 6 behan­delt er zum Bei­spiel das The­ma: „Sind Zeit­rei­sen mög­lich?“ Es geht ihm dabei nicht nur um ein belieb­tes Sci­ence-Fic­tion-Sujet, son­dern auch um eines der ernst­haf­ten Phy­sik­wis­sen­schaft. Vie­len Lesern wird viel­leicht der Roman „Das Restau­rant am Ende des Uni­ver­sums“ bekannt sein2. Es han­delt von einer Gast­stät­te, die es den Besu­chern ermög­licht, in behag­li­cher Atmo­sphä­re die Aus­sicht auf den rea­len Zusam­men­bruch des gesam­ten Kos­mos zu genie­ßen – und zwar belie­big oft, denn das Lokal befin­det sich in einer Zeit­schlei­fe. In ande­ren Geschich­ten rei­sen die Prot­ago­nis­ten in die Ver­gan­gen­heit, um die Ereig­nis­se so zu ver­än­dern, dass schlim­me Kata­stro­phen in der Gegen­wart ver­hin­dert wer­den kön­nen. Logi­sche Wider­sprü­che wer­den dabei ger­ne in Kauf genom­men. Ernst­haf­ter sind hin­ge­gen die Theo­rien des eben­falls berühm­ten öster­rei­chi­schen Mathe­ma­ti­kers Kurt Goe­del, der mit sei­nen kom­pli­zier­ten „Goe­del-Uni­ver­sen“ selbst Ein­stein zum Grü­beln brach­te3. Goe­del stell­te sich modell­haft ein rotie­ren­des, geschlos­se­nes und sta­tio­nä­res Uni­ver­sum mit nega­ti­ver kos­mo­lo­gi­scher Kon­stan­te vor (fra­gen Sie mich nicht, was das ist), in dem jeder Rake­ten­flug auch gleich­zei­tig eine Rei­se durch die Zeit wäre.

2. Haw­king äußert sich zu sol­chen Vor­stel­lun­gen zurück­hal­tend, doch ins­ge­samt eher posi­tiv.4 So sagt er auf Sei­te 162: Es erscheint also als mög­lich, dass wir bei ent­spre­chen­den Fort­schrit­ten in Wis­sen­schaft und Tech­nik eines Tages in der Lage sein wer­den, ein Wurm­loch zu kon­stru­ie­ren oder Raum und Zeit auf eine ande­re Wei­se zu krüm­men, die uns erlaubt, in der Zeit zurück­zu­rei­sen“. Die­se Erkennt­nis führt ihn aller­dings zu eini­gen logi­schen Unge­reimt­hei­ten, zum Bei­spiel, dass man dann sei­ne eige­ne Geburt ver­hin­dern könn­te. Schließ­lich auch zu dem Ein­wand: „Wenn wir bei­spiels­wei­se in der Zukunft lern­ten, Zeit­rei­sen zu unter­neh­men, müss­ten wir uns fra­gen, war­um noch nie­mand aus der Zukunft zurück­ge­kom­men ist, um uns zu zei­gen, wie man das macht“5.

3. Das ist aller­dings ein schwer­wie­gen­der Ein­wand, der nicht erst seit Haw­king erho­ben wird. Ich erin­ne­re mich, dass ich ihn bereits in einem Buch von Hans Hass, dem gro­ßen Tauch-Idol der Neun­zehn­hun­dert­fünf­zi­ger­jah­re, gele­sen habe. Doch ver­mut­lich ist er noch wesent­lich älter. Haw­king unter­sucht dazu meh­re­re mög­li­che Erklä­run­gen:

- Die Zukunfts­men­schen waren bereits da, haben sich aber nicht zu erken­nen gege­ben. Dies hält er auf­grund der prak­ti­schen Erfah­rung für unwahr­schein­lich. Es wäre kaum mög­lich, die Anwe­sen­heit zu ver­tu­schen.

- Zeit­rei­sen sind nur in Rich­tung Zukunft mög­lich. Pech für die Rei­sen­den, denn auch sie könn­ten nicht zum Aus­gangs­punkt zurück­keh­ren.

- Zeit­rei­sen sei­en – nur unter strik­ten Bedin­gun­gen – a) in kon­sis­ten­ten Wirk­lich­kei­ten („Geschich­ten“) oder b) alter­na­ti­ven Wirk­lich­kei­ten (d.h., alle Mög­lich­kei­ten tre­ten in ver­schie­de­nen Geschich­ten auch tat­säch­lich ein) denk­bar. Besu­cher aus der Zukunft lan­den in die­sem Fal­le womög­lich nicht in unse­rer Wirk­lich­keit. Die­sen Annah­men stellt Haw­king sei­ne „Chro­no­lo­gie-Schutz-Ver­mu­tung“ ent­ge­gen.

4. Ver­wun­der­lich an die­sen Über­le­gun­gen ist die Tat­sa­che, dass dar­in nur Men­schen vor­kom­men. Wenn aber in nicht all­zu fer­ner Zukunft Maschi­nen­we­sen das Zep­ter in die Hand näh­men – und dies hal­ten vie­le für rela­tiv wahr­schein­lich – dann könn­ten natür­lich auch Andro­iden bei uns vor­bei­kom­men. Aber auch die tun es offen­sicht­lich nicht.

5. Ste­phen Haw­king ist Opti­mist, wie er selbst sagt. Viel­leicht ist das der Grund, dass er eine ein­fa­che Erklä­rung für die Abwe­sen­heit von Wesen aus der Zukunft nicht erwähnt. Die­se Erklä­rung lau­tet:

Da ist nie­mand mehr, der kom­men könn­te.

Irgend etwas ist furcht­bar schief­ge­gan­gen. Und zwar, bevor Zeit­rei­sen mach­bar gewor­den sind. Und das hat auch die Robo­ter und Andro­iden erwischt. Also mög­li­cher­wei­se den gan­zen Pla­ne­ten. Oder sogar den gan­zen Kos­mos.

6. Viel­leicht muss man ja auf­pas­sen, wenn man den Raum krümmt, dass man ihn dabei nicht zer­bricht. Das könn­te unge­ahn­te Fol­gen haben. Viel­leicht – und das scheint durch­aus nicht unmög­lich – hat es sogar damals den Urknall ver­ur­sacht.

Ein Rest­ri­si­ko bleibt immer.

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1Haw­king, S., Kur­ze Ant­wor­ten auf gro­ße Fra­gen, Klett-Cot­ta 2018, Kap. 6

2Dou­glas Adams, Das Restau­rant am Ende des Uni­ver­sums, u.a. Hey­ne-Ver­lag 2009

3vgl. https://​www​.wis​sen​schaft​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​-​a​r​c​h​a​e​o​l​o​g​i​e​/​e​i​n​-​g​a​n​z​e​s​-​u​n​i​v​e​r​s​u​m​-​a​l​s​-​z​e​i​t​m​a​s​c​h​i​ne/

4wie er über­haupt den tech­ni­schen Fort­schritt m.E. all­zu devot ver­herr­licht (was aus sei­ner Per­spek­ti­ve des voll­stän­dig Gelähm­ten, der nur mit Hil­fe tech­ni­scher Hilfs­mit­tel kom­mu­ni­zie­ren kann, wie­der­um nach­voll­zieh­bar ist).

5A.a.O., S. 162 


4. Homo naturalis

18.2.2019

1. Besitzt der Mensch Instink­te? Wenn ja: Wie sehr bestim­men sie sein Ver­hal­ten? Hat der Mensch nicht viel­mehr einen frei­en Wil­len, der ihn gänz­lich über die instinkt­ge­trie­be­nen Tie­re erhebt? Die Dis­kus­si­on dau­ert seit der Anti­ke an und ist auch heu­te noch nicht been­det. Auch jetzt noch trans­por­tie­ren phi­lo­so­phi­sche Strö­mun­gen, allen vor­an die sprach­ori­en­tier­ten Rich­tun­gen des „Lin­gu­i­stic Turn“, die Vor­stel­lung vom natur­frei­en mensch­li­chen Geist. Ich per­sön­lich bin auf die­se The­ma­tik gesto­ßen, als ich für mei­nen Auf­satz „Instinkt und Moral“ recher­chier­te und dabei zwangs­läu­fig auf die Trieb­theo­rie von Sig­mund Freud stieß. Was mich zunächst erstaun­te, war, dass der Begriff „Instinkt“ in die­sen Aus­füh­run­gen kaum erwähnt wur­de, son­dern eher eine Rand­er­schei­nung im Rah­men des Trieb­ge­sche­hens dar­stell­te. Zum zwei­ten irri­tier­te mich, dass Triebe/​Instinkte eher im ES, teil­wei­se auch im ICH ver­or­tet waren. Hät­ten nicht zumin­dest die Instink­te dem ÜBER-ICH zuge­ord­net wer­den müs­sen?

2. Von Freud sind vor allem die bei­den „topi­schen Model­le“ bekannt. Das ers­te umfasst die Sys­te­me des Unbe­wuss­ten, des Vor­be­wuss­ten und des Bewuss­ten. Das zwei­te, bekann­te­re, unter­schei­det die Instan­zen ES, ICH und ÜBER-ICH. Grob gespro­chen ist das ES der Ort der Trie­be, das ÜBER-ICH der­je­ni­ge der Nor­men, wäh­rend das ICH zwi­schen bei­den und zusätz­lich zur Außen­welt ver­mit­telt. Habe ich Lust? Darf ich das? Ist das rea­li­sier­bar? wären bei­spiels­wei­se die Fra­gen, für die die drei Instan­zen zustän­dig sind. Es han­delt sich um ein Struk­tur­mo­dell, das das psy­chi­sche Innen­le­ben des Men­schen in Funk­tio­nen auf­teilt ähn­li­che dem Modell eines Orga­nis­mus oder eines Appa­ra­tes. Das ers­te topi­sche Modell beleuch­tet die sel­be Sache aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve: Hier geht es dar­um, wie sehr wir uns des­sen, was in uns abläuft, bewusst sind. Wobei das Unbe­wuss­te1 – ähn­lich wie der Unter­was­ser­teil eines Eis­bergs – den weit­aus größ­ten Teil der Psy­che ein­nimmt. Wie die meis­ten Gelehr­ten vor ihm unter-schei­det Freud prak­tisch nicht zwi­schen Trie­ben und Instink­ten; sein The­ma sind im Wesent­li­chen die Trie­be. Nach sei­ner Auf­fas­sung – er hat sie im Lau­fe sei­ner For­schun­gen mehr­fach modi­fi­ziert – stel­len Trie­be Kräf­te kör­per­li­chen Ursprungs dar, die sich psy­chisch als „Drang“ dar­stel­len und auf Befrie­di­gung, d.h. Abbau der see­li­schen Span­nung und Wie­der­her­stel­lung eines inne­ren Gleich-gewich­tes abzie­len. Die­ser Vor­gang wird als lust­voll erlebt. Das Objekt der Begier­de ist dabei in gewis­sen Maßen fle­xi­bel. Die Ener­gie des Trie­bes nennt Freud „Libi­do“. Er war bestrebt, die Viel­zahl denk­ba­rer Trie­be kon­zep­tio­nell zu redu­zie­ren und unter­schei­det zunächst den Sexu­al- und den Selbst­er­hal­tungs­trieb, ab 1920 den Eros (Lebens­trieb) und den Tha­na­tos (Todes­trieb).

3. Die Freud­schen Model­le sind in der brei­ten Öffent­lich­keit nach wie vor im Umlauf, obwohl sich in den angren­zen­den Fach­wis­sen­schaf­ten – z.B. der Gehirn­for­schung – bedeu­ten­de Fort­schrit­te erge­ben haben. Ledig­lich in der wirt­schafts­na­hen Psy­cho­lo­gie ist man leb­haft dabei, neue Sich­ten auf den Men­schen zu kre­ieren. Da hier Markt­in­ter­es­sen die Resul­ta­te bestim­men, muss ihnen mit gro­ßer Skep­sis begeg­net wer­den. Ich erlau­be mir des­halb, eine Wei­ter­ent­wick­lung unter all­ge­mei­nen Aspek­ten zu ver­su­chen. Wesent­lich erscheint mir dabei, nicht prin­zi­pi­ell zwi­schen Mensch und Tier zu unter­schei­den, denn der Mensch ist aus tier­haf­ten Wesen her­vor­ge­gan­gen, und die ers­te Annah­me – im Sin­ne der Den­k­öko­no­mie – soll­te dar­in bestehen, eine gro­ße Ähn­lich­keit zu unter­stel­len. Wir sehen den Men­schen als Tier, als beson­de­re Spe­zi­es inner­halb der Ord­nung der Pri­ma­ten. Oder um es salopp zu for­mu­lie­ren: Wir wer­den die mensch­li­che Per­sön­lich­keit erst ver­ste­hen, wenn wir die des Schim­pan­sen begrif­fen haben – und umge­kehrt. Oder noch radi­ka­ler: Der Mensch ist im Grun­de ein Wurm. Vor­ne hat er eine Fress­öff­nung, hin­ten eine zum Aus­schei­den, dazwi­schen den gut ver­pack­ten Darm, der Ener­gie für die Orts­ver­än­de­rung lie­fert. Alles ande­re ist teu­rer Schnick­schnack, der uns hilft, uns gegen die Unbil­den der Natur und ande­re Wür­mer durch­zu­set­zen. Dazu gehört auch ein Ver­hal­tens-Sys­tem. Um die­sen Schnick­schnack geht es.

4. Vor dem Gesetz sind alle Men­schen gleich, doch phy­sio­lo­gisch sehen wir deut­li­che (z.B. geschlech­li­che) oder leich­te Unter­schie­de. Es ist plau­si­bel, dass bereits die­se kör­per­li­chen Ver­hält­nis­se auch unter­schied­li­che psy­chi­sche Vor­gän­ge bewir­ken: das Tem­pe­ra­ment, die Auf­fas­sungs­ga­be, die Emp­find­lich­keit der Sin­ne und vie­les ande­re. Auf die gan­ze Tier­welt bezo­gen ist dies offen­sicht­lich: Ein Frosch reagiert schon rein kör­per­lich anders als eine Ente. Die phy­si­sche Dis­po­si­ti­on ist also der ers­te Fak­tor, den wir bei der Erklä­rung der Psy­che berück­sich­ti­gen müs­sen.

5. Recht kör­per­nah ist auch ein zwei­ter Fak­tor, näm­lich das Trieb­ge­sche­hen. Hun­ger, Schmerz, Angst sind von star­ken kör­per­li­chen Reak­tio­nen beglei­tet wie Hor­mon­aus­schüt­tung, Erhö­hung der Puls­fre­quenz, Schweiß­aus­bruch und so fort. Der bekann­te Ver­hal­tens­for­scher Kon­rad Lorenz hat das Funk­tio­nie­ren der Trie­be mit einem Gefäß ver­gli­chen, dem stän­dig Trie­b­e­ner­gie zufließt, die bei Ein­tref­fen bestimm­ter Bedin­gun­gen wie­der abge­las­sen wird: das „psy­cho­hy­drau­li­sche Modell der Ver­hal­tens­aus­lö­sung“. Die­se Erklä­rung hat sich inzwi­schen aller­dings als deut­lich zu grob erwie­sen.

6. Den drit­ten Fak­tor stel­len die Instink­te dar. Der Begriff wur­de über Jahr­hun­der­te – und wird oft heu­te noch – mit dem des Trie­bes gleich­ge­setzt, was dazu geführt hat, dass kla­re Theo­rien über bei­de kaum mög­lich sind, da die grund­le­gen­den Tat­be­stän­de zu ver­schie­den­ar­tig sind. Hun­ger ist etwas ande­res als die Kunst des Weber­fin­ken, ein Nest zu kon­stru­ie­ren. Ich hal­te es daher für sinn­voll, im Trieb den „Antrieb“ zu sehen und im Instinkt das „Gewusst-wie“. Hier han­delt es sich um Wis­sen, das ange­bo­ren ist und somit nicht gelernt wer­den muss. Auch das Klein­kind ver­fügt schon über sol­ches Wis­sen, wenn es die Mut­ter anlä­chelt. (Man soll­te hier aller­dings noch­mals einen Unter­schied zu rei­nen, qua­si-mecha­ni­schen „Refle­xen“ machen.)

7. Wie jeder Hun­de­be­sit­zer weiß, kön­nen auch Tie­re ler­nen. Sie kön­nen ihre Instink­te an die Erfor­der­nis­se der Umwelt anpas­sen, und es ist für den Beob­ach­ter kaum noch zu erken­nen, was rei­ner Instinkt und was gelern­tes Ver­hal­ten ist. Ent­schei­dend für die modell­haf­te Betrach­tung ist, dass inner­halb der Psy­che Ver­hal­tens­re­zep­te vor­lie­gen, die in bestimm­ten Situa­tio­nen akti­viert wer­den kön­nen. Ich nen­ne sie „Kom­pe­ten­zen“ bzw. im Aktie­rungs­fal­le „Rou­ti­nen“. Bei einem Com­pu­ter wür­de man sie viel­leicht „Mini-Pro­gram­me“ oder „Apps“ nen­nen. Sie gehen aus Instink­ten und Erfah­run­gen her­vor, und eine bestimm­te Metho­de, Erfah­run­gen zu machen, ist dem Men­schen und auch höhe­ren Tie­ren eigen: das Spiel.

8. Die­se Kom­pe­ten­zen bzw. Rou­ti­nen durch­zie­hen den gesam­ten Wirk­me­cha­nis­mus der Psy­che; auch die Art, wie Erfah­run­gen gemacht wer­den, wird so geformt. Was die­sen Wirk­me­cha­nis­mus betrifft, las­sen sich vier peri­phe­re Haupt­funk­tio­nen erken­nen:

(1) Die bereits erwähn­te phy­sio­lo­gi­sche Basis
(2) Die Auf­nah­me von Infor­ma­tio­nen der Außen­welt
(3) Die Spei­che­rung und Abru­fung von Infor­ma­tio­nen im Gedächt­nis (Wis­sens­spei­cher)
(4) Das nach außen gerich­te­te Ver­hal­ten.
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9. Sämt­li­che die­ser Funk­tio­nen gehen mit Rou­ti­nen ein­her. Aber was pas­siert, wenn die­se Stre­bun­gen in Kon­kur­renz mit­ein­an­der tre­ten? Bekannt ist zum Bei­spiel das Schwan­ken eines Tie­res zwi­schen Flucht- und Angriffs­in­stinkt. Wie wird eine Ent­schei­dung getrof­fen? Han­deln die Rou­ti­nen dies unter­ein­an­der – qua­si demo­kra­tisch – aus? Oder gibt es eine Ent­schei­dungs­in­stanz, einen Ope­ra­tor (oder, wie es fach­lich oft heißt: ein „Ich“, einen „Vir­tu­al Gover­nor“)? Ich plä­die­re für die Exis­tenz eines sol­chen Ope­ra­tors, und zwar des­we­gen, weil zu vie­le Aktio­nen in der Psy­che ablau­fen, die sich mit einer sol­chen Instanz leich­ter erklä­ren las­sen. Dazu gehö­ren u.a.
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- die Trans­for­ma­ti­on kogni­ti­ver Pro­zes­se („Ver­ste­hen“) in Hand­lun­gen,
- die kogni­ti­ven Pro­zes­se selbst (Ver­gleich von Wahr­neh­mun­gen mit Erfah­run­gen, Interpretation,auch ver­fäl­schen­de Ein­grif­fe wie Zurück­wei­sen, Mas­kie­ren etc. ein­ge­hen­der Infor­ma­tio­nen),
- das Zurück­drän­gen kurz­fris­ti­ger Trieb­be­frie­di­gung zuguns­ten lang­fris­tig vor­teil­haf­ter­Ver­hal­tens­wei­sen, auch z.B. im Sin­ne der Sub­li­ma­ti­on (kul­ti­vie­ren­de Ver­fei­ne­rung)
- das Umfor­men von Rou­ti­nen (Ler­nen)
- Wil­lens­an­stren­gung und Kon­zen­tra­ti­on.
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Der Voll­stän­dig­keit hal­ber sei ange­merkt, dass eini­ge Autoren im Rah­men der US-ame­ri­ka­nisch domi­nier­ten „Theo­ry of Mind“ das Kon­zept eines sol­chen „Vir­tu­al Gover­nors“ ableh­nen, u.a. unter Hin­weis auf die Erkennt­nis­se der Gehirn­for­schung.

10. An die­ser Stel­le kom­men wei­te­re Begrif­fe ins Spiel: Kogni­ti­on, Gefüh­le, Bewusst­sein, Geist. Man ist leicht ver­sucht, bei einem Funk­ti­ons­mo­dell der Psy­che die Wahr­neh­mung (Per­zep­ti­on) und Ver­ar­bei­tung des Wahr­ge­nom­me­nen (Kogni­ti­on) zu ver­nach­läs­sen, weil die­se Funk­tio­nen nicht so spek­ta­ku­lär ablau­fen wie das äuße­re Ver­hal­ten. Doch auch bei Per­zep­ti­on und Kogni­ti­on fin­det Ver­hal­ten statt. Stel­len wir uns vor, wir sehen ein Auto. Wir neh­men sein Aus­se­hen wahr, fügen die per­zi­pier­ten Ein­zel­tei­le zu einer Gestalt zusam­men. Unse­re Kogni­ti­on (also eigent­lich der Ope­ra­tor in uns) ver­gleicht das Bild mit unse­ren Erfah­run­gen und stellt fest: ein Auto. Aber nicht nur das: Wir sehen Far­be, ken­nen viel­leicht den Typ, haben eine Mei­nung dazu (teu­er – preis­wert, per­fekt – fehl­kon­stru­iert, sport­lich – viel Stau­raum etc. etc.). Wir ken­nen die all­ge­mei­ne Mei­nung über die­ses KfZ, den betref­fen­den „öffent­li­chen Dis­kurs“. Wir wis­sen viel­leicht, wer in unse­rem Freun­des­kreis so ein Modell fährt und freu­en uns womög­lich, es zu sehen. Oder wir ver­ach­ten die­sen Klein­wa­gen, der uns den Weg ver­sperrt. Wir erin­nern uns, den Wagen zuletzt in unse­rem Urlaub gese­hen zu haben und schwei­fen in Gedan­ken ab … All dies sind Rou­ti­nen der Per­zep­ti­on und Kogni­ti­on. Kurz­um, wir sehen den Wagen nicht nur und kön­nen ihn ein­ord­nen, wir „ver­ste­hen“ ihn bis zu einem gewis­sen Grad auch. Dies ist die Grund­funk­ti­on der Kogni­ti­on (und, wie ich behaup­ten möch­te: der Phi­lo­so­phie): etwas ver­ste­hen, um damit umge­hen zu kön­nen.

11. Die­ses „Ver­ständ­nis“ kann auch den Blick auf die Rea­li­tät ver­sper­ren, dann näm­lich, wenn ein – viel­leicht neu­ar­ti­ges – Phä­no­men unkor­rekt ein­ge­ord­net wird und somit „falsch ver­stan­den“ wird. Para­de­bei­spiel ist das Wort „Unkraut“, das eine spe­zi­el­le (gärt­ne­ri­sche) Inter­es­sen­la­ge wider-spie­gelt. Vie­le phi­lo­so­phi­sche Ansät­ze lau­fen daher dar­auf hin­aus, die Wahr­neh­mun­gen vom gan­zen Kranz der Kon­no­ta­tio­nen zu befrei­en, um den Kern der Din­ge frei­zu­le­gen. Dazu gehö­ren z.B. der Beha­vio­ris­mus, die ana­ly­ti­sche Phi­lo­so­phie, der Dekon­struk­ti­vis­mus oder die Theoie des Geis­tes. Dies mag wis­sen­schaft­lich gebo­ten sein; im All­tags­le­ben wäre es höchst hin­der­lich. Denn die Kon­no­ta­tio­nen sol­len ja gera­de das Ver­hal­ten flüs­sig machen und im Erken­nen schon Ver­hal­tens­rou­ti­nen bereit­le­gen. Den­ken wir an den Auto­ver­kehr. Oder den­ken wir an den gan­zen Kom­plex der Empa­thie, mit­tels derer wir intui­tiv Auf­schluss über das Befin­den unse­res Gegen­übers und sei­ne Gedan­ken­gän­ge ermit­teln wol­len. Für ein Tier kann die Kon­no­ta­ti­on „Ach­tung! Gefähr­lich!“ über­le­bens­wich­tig sein.

12. Per­zep­ti­on und Kon­no­ta­ti­on funk­tio­nie­ren mit Emo­tio­nen bzw. Gefüh­len, genau so wie alle ande­ren Rou­ti­nen des Ver­hal­tens. Sie fal­len bei den ein­zel­nen Indi­vi­du­en sehr unter­schied­lich aus – bis hin zum völ­li­gen Feh­len. Man den­ke an Autis­mus, Hyper­ak­ti­vi­tät, Psy­cho­pa­thie. Oder an die Über­stei­ge­rung bei sehr emo­tio­nal reagie­ren­den Men­schen (ver­mut­lich herr­schen in der Tier­welt die sel­ben Ver­hält­nis­se). Auch sie kön­nen vom Ope­ra­tor mani­pu­liert – z.B. unter­drückt – wer­den. Neu­er­dings erhal­ten sie gestei­ger­te Auf­merk­sam­keit im Rah­men des Qua­lia-Kon­zep­tes.

13. Bewusst­sein und Geist – die­se Begrif­fe tra­gen mehr zur Ver­wir­rung als zur Klar­stel­lung bei. Dies beson­ders dann, wenn aus dem Eng­li­schen über­setzt wird: con­scious­ness und mind. Die Begrif­fe sind nicht deckungs­gleich mit den Deut­schen, was meist ver­nach­läs­sigt wird. Oft (beson­ders in der Erfor­schung der Künst­li­chen Intel­li­genz – KI) wer­den Bewusst­sein und Geist ein­fach gleich­ge­setzt. Ich sehe Bewusst­sein in Abgren­zung von „Unter­be­wusst­sein“ bzw. „Unbe­wuss­tem“ in dem Sin­ne, dass ich weiß, was ich emp­fin­de oder tue (und im Zwei­fel Bericht dar­über erstat­ten könn­te). Somit hät­ten auch Tie­re wie z.B. Hun­de ein Bewusst­sein. Das Bewusst­sein wird vom Ope­ra­tor aus­ge­übt und kann sich grund­sätz­lich auf alle psy­chi­schen Funk­tio­nen bezie­hen – außer auf die­je­ni­gen des Unter­be­wusst­seins. Es wirkt syn­chron mit den Gefüh­len. Eine höhe­re Form des Bewusst­seins stellt dabei das ICH-Bewusst­sein dar, über das (nach heu­ti­gem Kennt­nis­stand) nur der Mensch und eini­ge höhe­re Tie­re wie Men­schen­af­fen, Ele­fan­ten und Del­fi­ne ver­fü­gen. Durch das ICH-Bewusst­sein wis­sen wir nicht nur, was wir emp­fin­den oder tun, son­dern auch, dass wir leben und indi­vi­du­ell sind – wir kön­nen uns selbst reflek­tie­ren. Es ermög­licht uns, uns zu kon­trol­lie­ren und unser Ver­hal­ten noch mehr zu opti­mie­ren. Wei­te­re wich­ti­ge inne­re Instan­zen sind das viel­fach beschrie­be­ne „SELBST“ und das von mir so genann­te „Sze­na­ri­um“, eine Art inne­rer Bei­rat. Dies hier aus­zu­füh­ren, wür­de zu weit füh­ren; es muss auf die Lang­fas­sung des Essays ver­wie­sen wer­den.

14. Den „Geist“ sehe ich als beson­de­re Kom­po­nen­te des Ope­ra­tors. Er ver­kör­pert ins­be­son­de­re die Funk­tio­nen.

- Den­ken
- Spre­chen (ver­bal)
- Wol­len
- Kon­zen­tra­ti­on
- Intel­lek­tua­li­tät
- Kul­tur.
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Damit sind Fähig­kei­ten ange­spro­chen, die in Ansät­zen auch bei höhe­ren Tie­ren beob­ach­tet wer­den kön­nen. Sie sind eng mit der Vor­stel­lungs­kraft ver­bun­den, und sie funk­tio­nie­ren über­wie­gend bewusst. Was jedoch den Men­schen aus­macht, ist die Fähig­keit, die­se vir­tu­el­len Vor­stel­lun­gen ande­ren ver­bal mit­zu­tei­len. Dies ermög­lich­te in der Evo­lu­ti­on gera­de­zu eine Explo­si­on der geis­ti­gen Fähig­kei­ten bei gleich­zei­ti­ger (über­wie­gen­der) Gleich­rich­tung der Auf­fas­sun­gen. Und es begrün­det damit die Macht des Dis­kur­ses, wie sie zum Bei­spiel von M. Fou­cault und ande­ren beschrie­ben wird. Vor­sorg­lich mer­ke ich aller­dings an, dass der Geist das Geschäfts­feld der Phi­lo­so­phen ist, die dem­entspre­chend zur Über­be­wer­tung ihres Metiers nei­gen. Schließ­lich ist neben dem Geist auch der übri­ge Ope­ra­tor aktiv, was ger­ne über­se­hen wird. Und nicht nur das: Er bestimmt die Struk­tu­ren des Geis­tes wesent­lich mit.

15. Der Geist ist das, wodurch wir uns spe­zi­ell als Men­schen defi­nie­ren und uns von den Tie­ren abzu­he­ben trach­ten. Der Geist ist das­je­ni­ge Ele­ment des mensch­li­chen Ope­ra­tors, das nach einem lan­gen Win­ter­schlaf seit der Anti­ke in der Neu­zeit wie­der erwacht ist und durch Des­car­tes („Ich den­ke, also bin ich“) einen ers­ten erneu­ten Höhe­punkt erlebt hat. Den Geist betrach­ten wir als gefähr­det, im übri­gen psy­chi­schen Gesche­hen wie­der unter­zu­ge­hen, wes­we­gen wir ihn von der „mate­ri­el­len“ Natur abhe­ben und als gött­lich inspi­riert betrach­ten wol­len. Man­che Men­schen sehen selbst ihren Kör­per als Sache und ver­su­chen ihn nach allen Regeln der moder­nen Medi­zin und Tech­no­lo­gie im Hin­blick auf geis­ti­ge Auf­ga­ben zu opti­mie­ren. Zwar hat sich beson­ders im deut­schen Kul­tur­raum in der Fol­ge der Roman­tik eine Rück­wen­dung zur Natur gezeigt, die jedoch in der Post­mo­der­ne – trotz allen Umwelt­be­wusst­seins – im Begriff ist, wie­der der behaup­te­ten Domi­nanz des Geis­tes zu wei­chen. In der angel­säch­si­schen Welt hat sich die Spal­tung – ent­ge­gen eini­ger gegen­tei­li­ger Ansät­ze (Hume, Dar­win u.a.) – weit­ge­hend erhal­ten („There’s a jungle out­side“); erst in neu­es­ter Zeit ent­deckt man – wohl unter dem Ein­druck der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten – plötz­lich den „Kör­per“ und ver­sucht, eine Brü­cke zwi­schen ihm und dem Geist zu schla­gen.

16. Der mensch­li­che Geist hat einen sol­chen Grad an Eman­zi­pa­ti­on von sei­ner natür­li­chen Grund­la­ge erreicht, dass ihm vie­les mög­lich erscheint, was ihm sei­ne ursprüng­li­chen Rou­ti­nen ver­bie­ten wür­den. Men­schen kön­nen Selbst­mord bege­hen, sie kön­nen sich gegen­sei­tig sadis­tisch fol­tern, sie kön­nen sich Regeln – wie bei gewis­sen Sek­ten – geben, die weit­ge­hen­den Trieb­ver­zicht beinhal­ten. Die Fra­ge ist, wie weit die­se Ent­frem­dung von uns selbst gehen kann. Dabei zeigt sich, dass extre­me Lebens­kon­zep­te immer wie­der „von unten“ ero­die­ren und auf ein natur­na­hes Ver­hal­ten zurück­ge­führt wer­den. Selbst ihre Fixie­rung durch reli­giö­se Dog­men, ver­bun­den mit Beloh­nun­gen und Stra­fen, hilft lang­fris­tig nicht gegen die ein­set­zen­de Deka­denz. Die tra­dier­ten Rou­ti­nen, ange­trie­ben von kurz­fris­ti­ger Trieb­be­frie­di­gung und gesteu­ert von Instink­ten sowie Gelern­tem, set­zen sich auf lan­ge Sicht durch. Je mehr die Para­dig­men der Lebens­füh­rung von vorn­her­ein dar­auf Rück­sicht neh­men, des­to grö­ßer ist die Chan­ce, dass sie von Dau­er sind.

17. Stel­len wir uns ein Fuß­ball­spiel als Gleich­nis des Lebens vor. Man spielt nach Regeln, die unter bestimm­ten Bedin­gun­gen zum Erfolg des Tor­schus­ses füh­ren. Sie sind „erfun­den“ und in Wor­te gefasst. Wenn sie den Spiel­fluss behin­dern, kön­nen sie geän­dert wer­den. Doch dies bedarf einer neu­er­li­chen Über­ein­kunft und fin­det außer­halb des Spie­les statt. (Im Fal­le des rich­ti­gen Lebens gibt es aller­dings kein „Außer­halb“). Stel­len wir uns wei­ter vor, ein­zel­ne Spie­ler pro­pa­gie­ren wäh­rend des Spie­les plötz­lich neue Regeln und spie­len danach. Die­se Gele­gen­heit nut­zen ande­re und ver­kün­den ihrer­seits ver­än­der­te Vor­schrif­ten. Das ein­set­zen­de Cha­os wird dazu füh­ren, dass kei­ne Regel mehr gilt und das Spiel, wenn es denn wei­ter­ge­führt wird (und das Leben muss wei­ter­ge­führt wer­den) auf archai­sche Grund­struk­tu­ren zurück­fällt. Wor­in die bestehen, kann man bei sei­nen spie­len­den Hun­den beob­ach­ten: Ätsch, ich hab das Bäll­chen, das kriegst du nicht, hol’s dir doch, du schaffst das nicht, bin schon weg! Ein Grund­mus­ter des archai­schen Spiel-Instink­tes. Und ein Ur-Anker unse­res Ver­hal­tens, auf den wir uns bis­her ver­las­sen konn­ten. Er funk­tio­niert aller­dings nur auf einer halb­wegs natür­li­chen Spiel­flä­che.

18. Hier liegt das Pro­blem. Die Aus­wir­kun­gen der geis­ti­gen Fähig­kei­ten des Men­schen haben ein sol­ches Aus­maß erreicht, dass sie sei­ne Lebens­be­din­gun­gen in glo­ba­lem Maß­stab grund­haft zu ver­än­dern dro­hen. Nicht ohne Grund wird von ver­schie­de­ner Sei­te vor­ge­schla­gen, unser gegen­wär­ti­ges Erd­zeit­al­ter „Anthro­po­zän“ zu nen­nen, Zeit­al­ter des Men­schen. Denn das Gesicht unse­res Pla­ne­ten trägt immer mehr Zei­chenanthro­po­ge­ner“ Ein­flüs­se. Ursprüng­li­che Noma­den­ge­sell­schaf­ten mutier­ten zu hoch­kom­ple­xen Zivi­li­sa­tio­nen, deren Regeln von den Finanz­märk­ten dik­tiert sind. Ursprüng­lich sinn­vol­le Ver­hal­tens­wei­sen, wie Macht- und Sexu­al­stre­ben, per­ver­tie­ren in den unna­tür­li­chen Ver­hält­nis­sen und trei­ben die Ent­wick­lung vor­an.

Die gesell­schaft­li­chen und tech­ni­schen Sys­te­me wer­den immer grö­ßer und komplizier­ter, kön­nen immer weni­ger durch­schaut und gesteu­ert wer­den, wuchern ohne Rück­sicht auf Gedeih oder Ver­derb, sind immer sys­tem­an­fäl­li­ger und erzwin­gen den Über­wa­chungs­staat. Mit den evolut­o­ri­schen Grund­mus­tern unse­res Ver­hal­tens sind wir macht­los; intel­lek­tu­el­les Spe­zia­lis­ten­tum erreicht nur Teil­be­rei­che der For­ma­ti­on. Einen wei­te­ren Schritt zu tun und auf künst­li­che Intel­li­genz zu set­zen hie­ße, den Teu­fel mit dem Beel­ze­bub auszutrei­ben, denn KI wird zwangs­läu­fig zu einer wei­te­ren Dena­tu­rie­rung unse­rer Umwelt und Lebens­wei­se füh­ren. Umfas­sen­de Ten­den­zen in die­ser Rich­tung sind bereits gegen­wär­tig erkenn­bar. Und wir ste­hen erst am Anfang der Ent­wick­lung. Neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men füh­ren jetzt schon zu Gefühls­ver­ar­mung, Ver­lust von Auto­no­mie, Abhän­gig­keit gro­ßer Antei­le der Bevöl­ke­rung. Dies wei­ter­ge­dacht droht zukünf­tig das Bild einer zwei­ten Sess­haf­tig­keit: Die Anflan­schung der Indi­vi­du­en auf bestimm­te Anschluss­stel­len des elek­tro­ni­schen Sys­tems. Men­schen als Koral­lenpoly­pen eines KI-Riffs im trans­hu­ma­nis­ti­schen Zeit­al­ter.

19. Dies kann nie­mand wol­len. Der Mensch ist nicht inner­lich leer, er wird die Ver­bie­gung spü­ren und dar­un­ter lei­den. Doch er wird ande­rer­seits sei­ne Abhän­gig­keit vom KI-Sys­tem wahr­neh­men und es kei­nes­falls in Fra­ge stel­len wol­len – auch dies ein Ur-Instinkt, den wir mit vie­len ande­ren Lebe­we­sen tei­len. Und ein Teu­fels­kreis. Hier lie­ßen sich nun vie­le küh­ne Spe­ku­la­tio­nen anstel­len und auch viel­fäl­ti­ge Ideen zur Ver­mei­dung sol­cher Dys­to­pien ent­wi­ckeln – Kon­zep­te mit fra­gi­len Erfolgs­chan­cen. Klar scheint zu sein, dass dies die Haupt­auf­ga­be der zivi­li­sier­ten Mensch­heit ist:

Die Lebens­ver­hält­nis­se so zu gestal­ten, dass sie zu unse­rem inne­ren Bau­plan samt Ver­hal­tens- Grund­struk­tur pas­sen.

Und nicht etwa den Men­schen an die neu­en Gege­ben­hei­ten anzu­pas­sen, denn dies wird zwangs­läu­fig mit neu­en inne­ren Defek­ten und wei­te­rer Ent­wur­ze­lung ein­her­ge­hen. Die For­de­rung nach einem kla­ren Men­schen­bild als Ziel­vor­ga­be künf­ti­ger Selbst­steue­rung ist das Grund­an­lie­gen die­ses Auf­sat­zes. Der Mensch darf nicht das Objekt der Ent­wick­lung unter den Prä­mis­sen der Hyper­mo­der­ne sein; in die­ser Bezie­hung ist er den Andro­iden immer unter­le­gen und letz­ten Endes über­flüs­sig.

20. Im vor­lie­gen­den Auf­satz habe ich eini­ge Gedan­ken kon­kret, viel­leicht auch etwas dras­tisch for­mu­liert und mag dabei auch über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen sein. Es geht mir jedoch nicht um Details, son­dern um grund­le­gen­de Tat­be­stän­de und Ten­den­zen. Ich möch­te die­se Anlie­gen fol­gen­der­ma­ßen zusam­men­fas­sen:

(1) Der Mensch ist nicht anfäng­lich psy­chisch leer und dazu gezwun­gen, sein gesam­tens Ver­hal­ten zu ler­nen. Auf die vor­han­de­ne Ver­hal­tens-Grund­struk­tur muss Rück­sicht genom­men wer­den.

(2) Es ist ver­wun­der­lich, dass die Per­sön­lich­keits­mo­del­le seit Freud, Jung und Adler kaum ernst­haft wei­ter­ent­wi­ckelt wur­den. Weder die Erkennt­nis, dass alles unglaub­lich kom­plex sei noch die Flucht in die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten ent­le­di­gen uns davon, sys­te­ma­ti­sche, über­sicht­li­che Mus­ter zu iden­ti­fi­zie­ren, schon allein des­we­gen, um Ver­glei­che zu ande­ren Lebe­we­sen anstel­len zu kön­nen.

(3) Es ist – im Sin­ne der ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie – nötig, die ver­wen­de­ten Begrif­fe genau­er zu defi­nie­ren und mit Stan­dard­vor­stel­lun­gen zu kop­peln. Allein die prag­ma­ti­sche Unter­schei­dung von „Trieb“ und „Instinkt“ führt schon zu einem Erkennt­nis­fort­schritt. Glei­ches gild für Bewusst­sein, Ich-Bewusst­sein, Vor­be­wusst­sein, Unter­be­wusst­sein, Unbe­wuss­tes oder für Spra­che (sinn­lich – vir­tu­ell).

(4) Alle For­schung zum Wesen des Men­schen dient den­je­ni­gen, die die Mit­tel haben, die Ergeb­nis­se in ihrem Sin­ne aus­zu­beu­ten. Dies ist ein Dilem­ma, das unauf­lös­bar mit dem mensch­li­chen Geist und des­sen Stre­ben nach Erkennt­nis ver­bun­den ist. Die Recht­fer­ti­gun­gen für den Miss­brauch sind viel­fäl­tig und nut­zen oft altru­is­ti­sche Argu­men­te (medi­zi­ni­sche The­ra­pie, Päd­ago­gik etc.). Sol­che Ten­den­zen müs­sen sys­te­ma­tisch auf­ge­deckt und nach Mög­lich­keit gering gehal­ten wer­den.

(5) Wir soll­ten uns des­sen bewusst sein, dass wir an einer Schwel­le des Zei­ten­um­bruchs ste­hen, ver­gleich­bar mit der Sess­haft­wer­dung. Die Mög­lich­kei­ten, den Men­schen auch phy­sisch zu modi­fi­zie­ren oder gar tech­nisch auf­zu­rüs­ten, neh­men expo­nen­ti­ell zu. Die Bereit­schaft der Ein­zel­nen, dies anzu­neh­men, ist, ange­feu­ert vom Kon­kur­renz­druck, zwangs­läu­fig gege­ben. Da dies offen­sicht­lich einem Null­sum­men­spiel ent­sprä­che, kann ein tie­fe­res Inter­es­se an einer der­ar­ti­gen Ent­wick­lung nicht erkannt wer­den.


1Die Begrif­fe „Unter­be­wusst­sein“ und „Unbe­wuss­tes“ wer­den meist syn­onym gebraucht, obwohl sie sprach­lich unter­schied­li­che Din­ge bezeich­nen: Das „Unbewusste“als Sam­mel­be­griff umfasst alle nicht-bewuss­ten Tat­be­stän­de und Abläu­fe; das „Unter­be­wusst­sein“ ist als psy­chi­sche Funk­ti­on zu den­ken wie das Bewusst­sein.

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3. Empa­thie und die Flücht­lings­fra­ge
27.8.2018
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Schal­tet man heut­zu­ta­ge das Radio ein, zum Bei­spiel einen Nach­rich­ten­sen­der, so wird man bald die Wör­ter „Migra­ti­on“, „Asyl“, „Tole­ranz“, „Inte­gra­ti­on“ hören. Das The­ma beherrscht die Infor­ma­ti­ons­me­di­en seit der andau­ern­den Mas­sen­flucht aus vor­wie­gend mus­li­mi­schen Län­dern nach Euro­pa und spe­zi­ell nach Deutsch­land. Die Mel­dun­gen sind meist bedrü­ckend und lösen einen Reflex zu hel­fen aus.

Aber es gibt auch die Gegen­po­si­ti­on: man dür­fe den guten Wil­len der Ein­hei­mi­schen nicht über­stra­pa­zie­ren, schließ­lich gehö­re unser Land uns. Durch das Ein­si­ckern frem­der Kul­tu­ren sei die euro­päi­sche bezie­hungs­wei­se deut­sche in Gefahr, es ent­stün­den nicht-inte­grier­te Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten. „Das Boot ist voll“ heißt die Paro­le. Auf die­se Argu­men­te zielt das Kanz­le­rin­nen­wort ab: „Wir schaf­fen das!“

In der Regel wird die­ser Streit als mora­li­sche Fra­ge abge­han­delt, wobei den „Ret­tern“ meist spon­tan die höhe­re ethi­sche Gesin­nung unter­stellt wird. Doch auch die Befür­wor­ter einer Dros­se­lung des Zustroms beru­fen sich auf ethi­sche Grund­sät­ze: Wir trü­gen nicht die Schuld am Elend in den Quel­len­län­dern; man brau­che gelin­gen­de Inte­gra­ti­on, die bei einem Mas­sen­an­sturm nicht mög­lich sei. Die Poli­tik steht vor einem Dilem­ma: Sie muss stets ergeb­nis­be­zo­gen han­deln, ist aber ande­rer­seits gezwun­gen, dies mit unkom­pli­zier­ten, an Grund­sät­zen ori­en­tie­ren Schlag­wor­ten ihren Wäh­lern zu ver­kau­fen. Phi­lo­so­phisch betrach­tet ste­hen sich hier die Ver­fech­ter einer „deon­to­lo­gi­schen Ethik“ (Han­deln nach Grund­sät­zen) und der „kon­se­quenz­ori­en­tier­ten Ethik“ (Han­deln nach vor­aus­sicht­li­chen Ergeb­nis­sen) gegen­über.

Ich kann mich an eine Fra­ge­stel­lung wäh­rend des Volks­wirt­schafts­stu­di­ums erin­nern, die den Streit zwi­schen den bei­den Posi­tio­nen illus­triert: Darf ein Wirt­schafts­po­li­ti­ker lügen? Nach deon­to­lo­gi­scher Sicht­wei­se nicht, denn hier ist Lügen grund­sätz­lich nicht erlaubt. Nach kon­se­quenz­ori­en­tier­ter Ethik schon, denn es kann sein, dass durch eine nega­ti­ve Aus­sa­ge über die zu erwar­ten­de Wirt­schafts­ent­wick­lung die­se beschleu­nigt wird. Der Effekt ist als „Selbst­er­fül­len­de Pro­gno­se“ bekannt. Lügen wäre aus die­ser Sicht her­aus durch­aus zu recht­fer­ti­gen.

Vom grü­nen Tisch aus, vor einem anony­men, lai­en­haf­ten Publi­kum mag dies kein Pro­blem sein; gegen­über einem ande­ren Fach­mann, von Ange­sicht zu Ange­sicht, schon. Und hier liegt der Pfer­de­fuß in all die­sen Bei­spie­len. Die Hand­lungs­wei­se hängt näm­lich nicht nur von der mora­li­schen Ein­stel­lung ab, son­dern auch von der mensch­li­chen Nähe. Sehe ich die Betrof­fe­nen kör­per­lich vor mir? Ken­ne ich sie? Habe ich zu ihnen eine spe­zi­el­le Bezie­hung, im Guten oder Bösen? Und: Löse ich das Pro­blem durch eige­nes Han­deln? Oder durch Unter­las­sen? In die­sen Fäl­len greift unse­re „Natur“, die, kurz gesagt, dahin ten­diert, Mit­glie­der der eige­nen Grup­pe zu bevor­zu­gen und dies auch mora­lisch gut­zu­hei­ßen. Wir sind hier eher bereit, uns in die Lei­den­den ein­zu­füh­len und uns vor­zu­stel­len, wir sei­en an ihrer Stel­le. Gemein­hin spricht man in die­sem Zusam­men­hang von „Empa­thie“.

Das Wort lei­tet sich ab von den alt­grie­chi­schen Wur­zeln „em“: in, bei und „path-“: lei­den, füh­len. Es ent­stand im 19. Jahr­hun­dert par­al­lel zum deut­schen Wort „Ein­füh­lung“ und hat sich seit­dem inter­na­tio­nal durch­ge­setzt. Was ist damit gemeint?

Den Hin­ter­grund die­ses Begriffs bil­det die Vor­stel­lung von einem Ver­ständ­nis zwi­schen Per­so­nen, das ohne Spra­che funk­tio­niert – anhand der Kennt­nis der Situa­ti­on, Her­kunft, Erschei­nung, des Ver­hal­tens u.s.w. des jeweils ande­ren. Man ahnt, wen man vor sich hat, ohne dass es einem erklärt wird – oder eben: trotz anders­lau­ten­der Erklä­run­gen. Zum Bei­spiel merkt man, dass man über den Tisch gezo­gen wer­den soll. Oder man fühlt den Schmerz des ande­ren und trau­ert mit ihm. Letz­te­re Deu­tung ent­spricht wohl dem All­tags­ge­brauch des Wor­tes im Sin­ne von „Mit­ge­fühl“. Dies ist auch die poli­ti­sche Bot­schaft unse­res Aus­gangs­bei­spiels – Hil­fe für Immi­gran­ten.

Gräbt man tie­fer nach, stellt man bald fest, dass der Begriff zahl­rei­chen unter­schied­li­chen Sicht­wei­sen unter­liegt, je nach fach­li­cher Posi­ti­on des Autors und sei­ner eige­nen men­ta­len Ver­fasst­heit. Man erkennt, dass er über­all im Spiel ist, wo es um psy­chi­sche Pro­zes­se geht – also immer, wenn Erken­nen, Ver­ste­hen, Mit­füh­len statt­fin­det. So führt das Online-Wör­ter­buch für Psy­cho­lo­gie und Päd­ago­gik gleich fünf ver­schie­de­ne Defi­ni­tio­nen auf. Ver­ein­fa­chend kann man sagen, dass sich die Vari­an­ten nach dem Grad der Ergrif­fen­heit des­je­ni­gen, der den ande­ren empa­thisch1 wahr­nimmt, unter­schei­den. Den Begriff, der dabei die größ­te Distanz aus­drückt, stellt dabei die „kogni­ti­ve Empa­thie“ dar.

Bei der kogni­ti­ven Empa­thie geht es nicht nur um die gefühls­mä­ßi­ge Wahr­neh­mung des ande­ren (emo­tio­na­le Empa­thie), son­dern um die Ein­be­zie­hung unse­res Ver­stan­des und aller Infor­ma­tio­nen, die die­sem zugäng­lich sind. Wir wis­sen z.B. Bescheid über den Wer­de­gang des Ande­ren, die Situa­ti­on, in der er steht, sei­ne Betrof­fen­heit von einem aktu­el­len Ereig­nis und deu­ten sein Aus­se­hen, sei­ne Ges­ten, sei­ne Vor­lie­ben. Wir haben zwar eine grund­sätz­li­che emo­tio­na­le Hal­tung ihm gegen­über und kön­nen uns auch sei­ne aktu­el­le Befind­lich­keit vor­stel­len, sind davon jedoch nicht ergrif­fen, son­dern unter Umstän­den kri­tisch ein­ge­stellt. Wir lei­den oder freu­en uns nur sehr begrenzt und kon­trol­liert mit ihm. Das ent­spricht etwa der Situa­ti­on, wo wir uns mit einem Freund im Lokal tref­fen und über ande­re Freun­de spre­chen. Wie geht es ihm? War­um ist er so komisch? Stimmt was in sei­ner Bezie­hung nicht? Ist er uns freund­lich oder feind­lich geson­nen? Ob er sich wohl über sei­ne Ver­set­zung freut? Was wird er als nächs­tes tun? Es geht dar­um, den ande­ren zu ver­ste­hen. Dass dabei auch Wert­ur­tei­le aus unter­schied­lichs­ten Quel­len, zum Bei­spiel der all­ge­mei­nen Mei­nung, eine Rol­le spie­len, ist ein­leuch­tend.

Die zwei­te wich­ti­ge Vari­an­te in die­ser The­ma­tik ist die „emo­tio­na­le Empa­thie“. Sie ist das, was land­läu­fig meist mit Empa­thie gemeint ist: das spon­ta­ne Mit­er­le­ben mit dem ande­ren, die Teil­ha­be an sei­ner Befind­lich­keit. Dabei geht es zum Bei­spiel um Mit­ge­fühl, Mit­leid, Mit-Freu­de, aber auch um Mit-Wut, Mit-Ärger. Para­de­bei­spiel ist die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit einem Roman-Hel­den, das Mit­er­le­ben sei­ner Gefüh­le. Man zit­tert mit und hofft, dass am Ende alles gut aus­geht. Her­vor­ste­chend ist immer das „Mit“ auf der Basis einer grund­sätz­li­chen Sym­pa­thie für den Ande­ren. Emo­tio­na­le Empa­thie geht mit Lie­be, Ver­trau­en, Freund­schaft und Iden­ti­fi­ka­ti­on (auch z.B. mit einer Füh­rungs­per­son) ein­her. „Geteil­tes Leid ist hal­bes Leid“ sagt der Volks­mund. Emo­tio­na­le Empa­thie ist in der jewei­li­gen Situa­ti­on weit­ge­hend unre­flek­tiert und kann daher von ent­spre­chend talen­tier­ten Per­so­nen mani­pu­liert und abrupt ent­täuscht wer­den. Sie spielt daher im Manage­ment und Mar­ke­ting eine gro­ße Rol­le – im posi­ti­ven wie im nega­ti­ven Sin­ne. Und nicht zuletzt auch in der Poli­tik.

Dar­über hin­aus kann man noch zahl­rei­che wei­te­re Spiel­ar­ten unter­schei­den, deren Zurech­nung zum Gesamt­phä­no­men nicht immer ein­deu­tig erscheint. Hier­zu zäh­len die Gefühl­s­an­ste­ckung, der Per­spek­tiv­wech­sel, die Empa­thie zwi­schen Grup­pen, gegen­über sich selbst, gegen­über Sachen, zwi­schen Mensch und Tier, ja selbst gegen­über ima­gi­nä­ren Per­so­nen (wie z.B. Film­hel­den). Hier wird die All­um­fas­sen­heit des Phä­no­mens deut­lich – ver­ste­hen ohne Wor­te. Das trifft nicht nur auf Men­schen zu, die ja auch die Spra­che zur Ver­fü­gung haben. Eine viel wich­ti­ge­re Rol­le spielt die Empa­thie im Tier­reich, wo es lebens­wich­tig sein kann zu erken­nen, in wel­cher Absicht sich der ande­re nähert. Oder war­um die Vögel plötz­lich schwei­gen. War­um die Fische auf der ande­ren Sei­te des Riffs flie­hen. Was es bedeu­tet, wenn die Wes­pe im Flug ner­vös hin und her tän­zelt. Es ist daher sinn­voll, dies sei hier nach­drück­lich ange­merkt, bei der Erör­te­rung von anthro­po­lo­gi­schen The­men wie der Empa­thie immer auch das Tier­reich ein­zu­be­zie­hen.

Die Fähig­keit zur Empa­thie kann im Über­maß vor­han­den sein, aber auch mehr oder weni­ger feh­len bezie­hungs­wei­se blo­ckiert sein. In die­sem Zusam­men­hang spre­chen wir von Asper­ger-Syn­drom, von Autis­mus oder Psy­cho­pa­to­lo­gie.

Wenn wir uns ein Bild vom ande­ren machen (kogni­ti­ve Empa­thie), spie­len wei­te­re Fak­to­ren hin­ein: zum Bei­spiel die ein­fa­che „Pro­jek­ti­on“. Wir den­ken in Kli­schees und in Erwar­tun­gen, die wir in den oder die ande­ren „hin­ein­se­hen“. Ent­spricht der Betref­fen­de im Aus­se­hen einem bestimm­ten Typ, ver­hält er sich auf die oder jene Wei­se, so ras­ten bei uns sofort – unwill­kür­lich und mehr oder weni­ger unbe­wusst – „Vor­ur­tei­le“ ein, die uns pro­vi­so­risch sagen, wie wir uns ihm gegen­über am bes­ten ver­hal­ten soll­ten. Hat man die­se Kri­te­ri­en nicht zur Ver­fü­gung, nimmt man der Ein­fach­heit hal­ber oft an, der ande­re sei wie man selbst. Ich per­sön­lich habe Freun­den schon oft die Fra­ge gestellt, wie es sich bei ihnen ver­hält. Wäh­rend vie­le mir zustimm­ten, dass auch sie vom ers­ten Sehen an eine Ein­schät­zung des ande­ren hät­ten (wobei sie Wert dar­auf leg­ten, dass sie ihr Urteil fort­wäh­rend den Erkennt­nis­sen anpass­ten), waren ande­re stolz dar­auf, dass sie sich erst nach und nach eine Mei­nung über ihr Gegen­über bil­de­ten. Man kann geteil­ter Ansicht sein, ob letz­te­res eher einen Man­gel oder eine mora­li­sche Hal­tung wider­spie­gelt. Man­cher phi­lo­so­phi­sche Streit scheint auf die­ser unter­schied­li­chen Sicht­wei­se zu beru­hen.

Zurück zu unse­rem Aus­gangs­bei­spiel, der Ret­tung und Auf­nah­me von Flücht­lin­gen. Das Radio bringt wie­der einen Bei­trag zu die­ser Pro­ble­ma­tik. Die Fra­ge ist: Schal­ten wir es ab? Weil es immer das Glei­che ist, weil wir uns lang­sam aus­rei­chend infor­miert füh­len und ste­ti­ge Wie­der­ho­lung doch nichts ändert? Weil die­se Bei­trä­ge all­mäh­lich zur Beläs­ti­gung, zur Belas­tung wer­den? Oder sind wir bereit, uns ein wei­te­res Mal mit dem Gesche­hen zu befas­sen, weil es so umfas­send und teil­wei­se ent­setz­lich ist, dass man die Augen ein­fach nicht davor ver­schlie­ßen kann – weil es unmensch­lich wäre, Mit­ge­fühl zu ver­wei­gern?

Das Abschal­ten des Radi­os ist ein gutes Sinn­bild für eine Eigen­schaft ins­be­son­de­re der emo­tio­na­len Empa­thie: Man kann sie an- und abschal­ten. Man kann mit jemand Freund­schaft schlie­ßen, das heißt, sich ihm öff­nen, oder sich mit ihm ver­fein­den, sich ihm ver­schlie­ßen. Bei­spie­le gibt es im täg­li­chen Leben mehr als zahl­reich. Ich kann mei­nem Freund nicht scha­den, wenn ich ihn gut ken­ne und mag. Ich kann ein Kanin­chen nicht schlach­ten, wenn ich es lieb habe. Lie­bes­paa­re kön­nen sich nicht tren­nen, wenn sie sich nicht gegen­über dem ande­ren „wapp­nen“, das heißt, dass sie ihre Gefüh­le für den ande­ren nicht stil­le­gen oder abkap­seln. Ein erfolg­rei­cher Ver­käu­fer oder Ver­tre­ter wird ver­su­chen, auf mei­ne – auch nicht expli­zit geäu­ßer­ten – Wün­sche ein­zu­ge­hen damit eine emo­tio­na­le Öff­nung gegen­über sei­nem Ange­bot zu errei­chen. Was im Übri­gen auch für alle ande­ren Inter­es­sen­ver­tre­ter gilt, zum Bei­spiel für Poli­ti­ker. Über­zeu­gen und Über­re­den lie­gen nahe bei­ein­an­der. Die Ver­füh­rer (als Per­son) wer­den dabei auf aus­ge­feil­te Metho­den, über­wie­gend aber auf ihre intui­ti­ven Fähig­kei­ten, auf ihr Gespühr zurück­grei­fen. Wenn wir uns gegen sol­che Ein­fluss­nah­men schüt­zen wol­len, soll­ten wir uns Klar­heit über den Mecha­nis­mus ver­schaf­fen, der die Stär­ke unse­rer emo­tio­na­len Empa­thie steu­ert.

Was bewirkt, dass wir uns öff­nen oder ver­schlie­ßen? Zum einen lie­gen die Grün­de in der Sache selbst. Die psy­chi­sche Kapa­zi­tät ist begrenzt; indi­vi­du­el­le see­li­sche Bezie­hun­gen las­sen sich nicht belie­big ver­viel­fa­chen. Dann ver­fla­chen sie; man stumpft ab und wird sogar gleich­gül­tig. Ich kann sozu­sa­gen mein Geld nur ein­mal ver­schen­ken. Ähn­lich funk­tio­niert es in medi­zi­ni­schen Beru­fen: Als Sani­tä­ter oder Not­arzt kann ich nicht mit jedem Ver­letz­ten mit­füh­len; ich muss mei­ne Gefüh­le ver­drän­gen oder erst gar nicht zulas­sen und ihn als „Fall“ anse­hen, um über­haupt arbeits­fä­hig zu sein. Nicht sel­ten geschieht es, dass Men­schen, die eigent­lich in einem kari­ta­ti­ven Beruf (z.B. Sozi­al­ar­bei­ter) einen Sinn fin­den woll­ten, zu Zyni­kern wer­den ange­sichts der Unmög­lich­keit, über­all ein­zu­grei­fen, wo Hil­fe not­tut.

Zum ande­ren spielt unse­re ethi­sche Ein­stel­lung eine gro­ße Rol­le bei der Rege­lung der Empa­thie. Unter ande­rem bewer­tet sie die Men­schen anhand ihrer Her­kunft, ihrer Erschei­nung, ihres Ver­hal­tens, ihrer Ver­ständ­lich­keit – kurz: anhand eines Kli­schees – und sagt uns, ob wir uns öff­nen oder ver­schlie­ßen sol­len. Ler­nen wir die Per­so­nen näher ken­nen, löst sich das Kli­schee meist auf und wir set­zen die glei­chen dif­fe­ren­zier­ten Moral­vor­stel­lun­gen an, die wir auch gegen­über unse­ren Bekann­ten anwen­den. In den meis­ten Fäl­len führt dies wahr­schein­lich zu einer Öff­nung, aller­dings nicht zwangs­läu­fig. Anzu­mer­ken wäre hier, dass mora­li­sches Ver­hal­ten natür­lich auch ohne unmit­tel­ba­re Empa­thie funk­tio­nie­ren kann.

Ein wei­te­rer Fak­tor sind mate­ri­el­le bezie­hungs­wei­se vita­le Grün­de. Habe ich durch die Bezie­hung zu einer Per­son (wahr­schein­lich) einen geld­wer­ten Vor­teil oder Nach­teil? Will sie mir mei­nen Besitz, mein Land strei­tig machen? Ist sie ein Kon­kur­rent, z.B. bei der Part­ner­wahl, oder wird sie mich unter­stüt­zen? Ein schö­nes Bei­spiel hat Dür­ren­matt mit sei­nem Thea­ter­stück „Der Besuch der alten Dame“ gege­ben. Dar­in kön­nen die Bewoh­ner einer Klein­stadt nur unter der Bedin­gung in den Genuss einer gro­ßen Geld­sum­me kom­men, wenn sie einem geach­te­ten Mit­bür­ger die Freund­schaft ent­zie­hen und ihn schließ­lich umbrin­gen. Was sie dann auch tun. „Bei Geld hört die Freund­schaft auf“, sagt der Volks­mund. Der Mensch wird dann schnell zum Hin­der­nis, zum „Stö­ren­fried“ oder gar zur Sache degra­diert.

Schließ­lich spie­len wei­te­re Fak­to­ren, wie ein Unter­ge­ben­heits­ver­hält­nis, die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit einem Idol, der sexu­el­le Reiz des Ande­ren oder die Sym­pa­thie eine Rol­le.

Die Regel­me­cha­nis­men, die auf die Stär­ke der Empa­thie Ein­fluss haben, sind somit viel­fäl­tig. Es nimmt nicht Wun­der, dass Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen, die ihr Geschäft auf der Zunei­gung der Men­schen auf­bau­en, auch ver­su­chen, die­se Hebel zu betä­ti­gen. Das bes­te Bei­spiel dafür ist die kom­mer­zi­el­le Wer­bung, bei­spiels­wei­se für eine Zahn­pas­ta. Im Ide­al­fall bie­tet sie ein Pro­mi­nen­ter mit einem gewis­sen Sex­ap­peal und mit der sehr per­sön­li­chen gefärb­ten Bemer­kung an, dass er sie selbst auch benut­ze, dass man dabei spa­re, dass man von den Freun­den bewun­dert wer­de und nicht zuletzt, dass man damit auch den Tro­pen­wald ret­te. Das Glei­che gilt für Tüten­sup­pen, Autos, Bank­kon­ten. Man stumpft ab und hört kaum noch zu; den­noch wir­ken die Bot­schaf­ten unbe­wusst.

Natür­lich nut­zen auch Poli­ti­ker die­se Mit­tel; es geht schließ­lich um die Zustim­mung zu ihrer Poli­tik und damit um Wäh­ler­stim­men. In unse­rem Fall hat sich die Poli­tik zur groß­zü­gi­gen Auf­nah­me von Flücht­lin­gen ent­schie­den und ist nun bemüht, dies dem Volk nahe­zu­brin­gen. Es geht um die Durch­set­zung einer beschlos­se­nen Stra­te­gie. Dabei sieht sie sich einer gro­ßen Zustim­mung, aber auch einer grund­sätz­lich skep­ti­schen Hal­tung gegen­über. Hier kom­men die oben beschrie­be­nen Hebel zum Ein­satz, also Mach­bar­keit und vita­le Inter­es­sen der Bevöl­ke­rung. Dar­auf zielt das Argu­ment der Kanz­le­rin „Wir schaf­fen das“. Por­traits von gut inte­grier­ten Zuwan­de­rern, tadel­los geklei­det und deutsch spre­chend, sol­len emo­tio­na­le Empa­thie wecken und die­sen Opti­mis­mus unter­mau­ern, wäh­rend kri­mi­nel­le Vor­fäl­le dabei zu gra­vie­ren­den Rück­schlä­gen füh­ren.

Dann das ethi­sche Argu­ment mit sei­nem Anspruch zu hel­fen. Auch die­ses zielt vor allem auf die emo­tio­na­le Empa­thie – das spon­ta­ne Mit­ge­fühl. Hier­für die­nen dras­ti­sche Schil­de­run­gen der Zustän­de in den Quel­len­län­dern, das Desas­ter der Flucht über das „Toten­meer“ und die Hoff­nungs­lo­sig­keit der Geflüch­te­ten ange­sichts ent­wür­di­gen­der Ver­fah­ren und der Gefahr, wie­der abge­scho­ben zu wer­den. Dar­über hin­aus wird an das neur­al­gi­sche Schuld­ge­fühl der Deut­schen appel­liert: Als ehe­ma­li­ge Kolo­ni­al­macht, die Mit­ver­ur­sa­cher der chao­ti­schen Zustän­de in den Quel­len­län­dern sei, und all­ge­mein auf Grund der Nazi­ver­bre­chen. Die Rei­he der Argu­men­te ist viel­fäl­tig und ent­hält teil­wei­se erstaun­li­che Wen­dun­gen und Wider­sprü­che, was im Rah­men der wenig reflek­tier­ten emo­tio­na­len Empa­thie jedoch kaum wei­ter stört.

Anders wäre es bei kogni­ti­ver Empa­thie, bei der auch der Intel­lekt gefragt ist. Hier stellt sich zum Bei­spiel die Fra­ge, auf wel­cher ethi­schen Grund­la­ge die Poli­tik eigent­lich beruht. Es wird ledig­lich gesagt, eine Hand­lung sei „ethisch“, ohne wei­te­re Begrün­dung. Dies ist aber nicht akzep­ta­bel. Ethi­sche Argu­men­te ent­ste­hen nicht im Nichts; wer­den sie nicht benannt, liegt der Schluss nahe, dass die eigent­li­chen Beweg­grün­de ande­re sind. Nicht umsonst sieht die christ­li­che Bibel die zehn Gebo­te als von Gott gege­ben an, und auch in ande­ren Reli­gio­nen lei­tet sich die Ethik von höhe­ren Mäch­ten her. Hier ist viel­leicht eine Klar­stel­lung ange­bracht: Ich stel­le aus­drück­lich nicht mora­li­sches Han­deln Fra­ge. Ich möch­te aber wis­sen, wer oder was da letzt­lich die­se Anfor­de­run­gen stellt, um zu prü­fen, ob ich nicht einem Trug­schluss unter­lie­ge. Im Gegen­satz zu tran­szen­den­ta­len Begrün­dun­gen hal­te ich eine Her­lei­tung der Ethik „von unten“ , von der „Natur des Men­schen“, der dann eine hel­fen­de Ver­hal­tens­kom­po­nen­te unter­stellt wird, für theo­re­tisch geeig­ne­ter. Theo­re­tisch ist die­se Mög­lich­keit des­halb, weil die poli­tisch-media­le Klas­se in Deutsch­land einen vul­gär­be­ha­vio­ris­ti­schen Ansatz ver­folgt, der den Men­schen als inner­lich aprio­ri leer defi­niert, und der die Ver­fech­ter eines bio­lo­gi­schen Ansat­zes in die Nähe einer rech­ten Gesin­nung rückt. Die­se Ten­denz der media­len Poli­tik hal­te ich für sehr bedenk­lich; ich wer­de nicht auf­hö­ren, die Poli­tik nach der Begrün­dung ihrer offi­zi­el­len Ethik zu fra­gen.

Wie bereits ange­merkt, erin­nern die For­de­run­gen nach ethi­schem Ver­hal­ten am ehes­ten an die christ­li­chen Moral­leh­re mit ihrem Grund­satz der Barm­her­zig­keit. Poli­ti­ker soll­ten jedoch in reli­giö­ser Hin­sicht neu­tral argu­men­tie­ren, was mög­li­cher­wei­se der Grund dafür ist, dass die Quel­len ihrer ethi­schen For­de­run­gen nicht benannt wer­den. Zum ande­ren soll­ten sie nicht nach star­ren Grund­sät­zen han­deln, son­dern – im Sin­ne der kon­se­quenz­ori­en­tier­ten Ethik – auf die mög­li­chen Ergeb­nis­se schau­en und ihre Wert­maß­stä­be dar­auf bezie­hen. Dazu müss­ten sie die mut­maß­li­chen logi­schen Fol­gen einer ver­stärk­ten Zuwan­de­rung mit den Bür­gern dis­ku­tie­ren. „Das Boot ist voll“ auf der einen Sei­te und „Wir schaf­fen das“ auf der ande­ren wären zu dürf­tig und stell­ten eine Belei­di­gung des geis­ti­gen Niveaus der Wäh­ler dar. Der Vor­wurf des Popu­lis­mus gilt aktu­ell für alle Sei­ten. Auch das Argu­ment der „kul­tu­rel­len Berei­che­rung“ ist nicht stich­hal­tig, denn Kul­tur stellt immer auch eine Spe­zia­li­sie­rung und damit eine Ver­en­gung dar. Ein hohes Niveau kann nicht auf gan­zer Brei­te durch­ge­hal­ten wer­den. Sie­he oben: Begren­zung der psy­chi­schen Kapa­zi­tät.2 Die Auf­fül­lung des Ein­woh­ner­ver­lus­tes, die Gewin­nung von Fach­kräf­ten wären nach­voll­zieh­ba­re Argu­men­te. Dem steht aller­dings die mög­li­che Ent­ste­hung von Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten und das Zurück­dre­hen der Errun­gen­schaf­ten der his­to­ri­schen Epo­che der Auf­klä­rung ent­ge­gen.

Doch die argu­men­ta­ti­ve Dis­kus­si­on in den öffent­li­chen Medi­en ist dürf­tig. Man setzt weni­ger auf kogni­ti­ve denn auf unre­flek­tiert-emo­tio­na­le Empa­thie. Dafür spricht der Ein­satz fast aller Mit­tel der Mas­sen­wer­bung. Dabei ver­nach­läs­sigt man, dass ein Zuviel an Berich­ten auch das Gegen­teil, eine Ermü­dung bewir­ken kann. Vor die­sem Hin­ter­grund ist es nicht ver­wun­der­lich, wenn sich vie­le Wäh­ler abwen­den und alter­na­tiv abstim­men. Es steht im Raum, dass dies weni­ger aus Frem­den­hass als aus der Ableh­nung die­ser Art von Gän­ge­lung durch die Poli­tik geschieht. Dabei hat es den Anschein, dass sich die poli­ti­sche Klas­se in Deutsch­land schon selbst als „Par­al­lel­ge­sell­schaft“ gebähr­det, die wenig mit der Mas­se der ein­fa­chen Leu­te zu tun hat.

Was also wären die poli­ti­schen Schluss­fol­ge­run­gen?

(1) Poli­tik muss erklä­ren, wel­che Prin­zi­pi­en ihrer Flücht­lings­po­li­tik zu Grun­de lie­gen. Wenn es um die Rein­wa­schung von der Nazi­schuld geht3, so soll man dies sagen. Es ist zu ver­mu­ten, dass zum Bei­spiel angel­säch­si­sche Poli­ti­ker und Medi­en, wären sie selbst betrof­fen, mit einer sol­chen Argu­men­ta­ti­on kei­ne Pro­ble­me hät­ten.

(2) Die Dis­kus­si­on um die Zuwan­de­rung muss nicht nur ethisch, son­dern auch funk­tio­nal geführt wer­den. Was pas­siert, wenn wir den Men­schen­strom unge­bremst her­ein­las­sen? Was pas­siert, wenn wir es nicht tun? War­um flie­hen sie über­haupt? Was sind die Ursa­chen in den Quel­len­län­dern? Las­sen sie sich dort bekämp­fen? Oder sind wir in Euro­pa nur die Aus­put­zer für desas­trö­se Zustän­de, die von mäch­ti­gen Inter­es­sen­grup­pen geschaf­fen und immer wei­ter ver­schlim­mert wer­den? Müss­te nicht an die­sem Punkt ange­setzt wer­den?

(3) Der Mensch ist vom Grund­satz her eher sozi­al ein­ge­stellt. Das gilt pri­mär für die eige­ne Grup­pe, lässt sich aber auf ganz Euro­pa und dar­über hin­aus auf die Welt­ge­mein­schaft aus­wei­ten. Nie­mand wird wider­spre­chen, wenn der Welt­frie­den ver­wirk­licht wird. Ent­schei­dend ist das Pri­mat der demo­kra­ti­schen Poli­tik vor dem Wirt­schafts­sek­tor. In die­ser Hin­sicht ist die euro­päi­sche Eini­gung vor­an­zu­trei­ben und eine neue Wirt­schafts­ord­nung – euro­pa- und welt­weit – durch­zu­set­zen. Gor­bat­schofs „Glas­nost und Pere­stroi­ka“ sind zu Unrecht in Ver­ges­sen­heit gera­ten.

(4) Die mensch­li­che Ver­nunft ist wegen ihrer Erfolg­lo­sig­keit in Ver­ruf gera­ten. Den­noch ist sie das ein­zi­ge Prin­zip, dem alle zustim­men kön­nen und das Wohl­stand für alle her­vor­brin­gen könn­te.

(5) Für das The­ma der Empa­thie bedeu­tet das, dass wir sie aus dem wis­sen­schaft­li­chen Nischen­da­sein her­aus­ho­len und ihre umfas­sen­de Bedeu­tung für jed­we­den Wahr­neh­mungs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess erken­nen. Es bedeu­tet wei­ter, dass der Schwer­punkt in der poli­ti­schen Dis­kus­si­on mehr auf die kogni­ti­ve Vari­an­te gelegt wird, dass also dar­auf ver­zich­tet wird, „auf die Trä­nen­drü­sen zu drü­cken“ oder „den Geg­ner zu ver­teu­feln“. Star­re Grund­sät­ze sind Tot­schlag-Argu­men­te. Und dass die Bereit­schaft der Men­schen, ihr Herz zu öff­nen, nicht für uner­klär­te poli­ti­sche Zie­le aus­ge­nutzt wird.

Zwei­fel­los ist die Flücht­lings­si­tua­ti­on – eben­so wie das Pro­blem des welt­wei­ten Hun­gers, der man­geln­den medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung, der unzu­rei­chen­den Bil­dung, der kor­rup­ten Klemp­to­kra­tien – ein mensch­li­ches Desas­ter, egal, nach wel­chen Maß­stä­ben man es bemisst. Wir müs­sen hel­fen, so gut wir kön­nen, wenn wir mit uns selbst in Frie­den leben wol­len. Aber wir soll­ten uns dabei nicht selbst unse­re Basis abgra­ben und Herr der Sache blei­ben. Mit Macht die (auch per­so­nel­len) Ursa­chen auf Basis der Euro­päi­schen Eini­gung zu bekämp­fen hal­te ich für den bes­ten Ansatz.

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1  nicht mit dem Wort „empha­tisch“ ver­wech­seln „nach­drück­lich“

2  Dem­entspre­chend ist auch der Kul­tur­be­griff in den letz­ten Jahr­zehn­ten stark vul­ga­ri­siert wor­den; er bedeu­tet heu­te oft nicht viel mehr als „Gewohn­heit“, „Rou­ti­ne“.

3  Dies hal­te ich nur gra­du­ell für mög­lich.


2. Vir­tu­el­le Revie­re
11.6.2018
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Nur wer sei­nen eige­nen Weg geht, kann von nie­man­dem über­holt wer­den.
Mar­lon Bran­do, ame­ri­ka­ni­scher Schau­spie­ler, 1924 – 2004
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Wir haben es schon oft erlebt: Eine Aus­ein­an­der­set­zung beginnt sach­lich und wird dann immer per­sön­li­cher, die Stim­mung immer gereiz­ter, bis die Argu­men­te in Belei­di­gun­gen aus­ar­ten und vom eigent­li­chen The­ma nicht mehr die Rede ist. Was ist pas­siert?

Der Phi­lo­soph Hegel glaub­te vor knapp 200 Jah­ren, dass die Gegen­sät­ze weni­ger in den Kon­tra­hen­ten, son­dern in der Sache selbst lie­gen. „Alles, was irgend ist, das ist ein Kon­kre­tes, somit in sich selbst Unter­schie­de­nes und Ent­ge­gen­ge­setz­tes. … Was über­haupt die Welt bewegt, das ist der Wider­spruch…“1 All­ge­mein bekannt ist sei­ne „Dia­lek­ti­sche Tria­de“ aus The­se, Anti­the­se und Syn­the­se.

Eine gewag­te Theo­rie, die bis heu­te vie­le Den­ker fas­zi­niert, aber auch Wider­spruch (!) her­vor­ge­ru­fen hat. Scho­pen­hau­er sprach abfäl­lig von „Hege­lei“, die angel­säch­si­schen Phi­lo­so­phen wand­ten sich von den „kon­ti­nen­ta­len“ ab und ver­folg­ten ihre „Ana­ly­ti­cal Phi­lo­so­phy“ wei­ter. Letzt­lich beinhal­tet Hegels Phi­lo­so­phie die Erlaub­nis zu unlo­gi­schem Den­ken, das aber letzt­lich an der Wirk­lich­keit schei­tert. Eine Aus­sa­ge kann nicht zugleich wahr und nicht wahr sein.

Hegels Dia­lek­tik funk­tio­niert nur eini­ger­ma­ßen in Situa­tio­nen wie oben beschrie­ben, also im Streit­ge­spräch. Doch das Bei­spiel zeigt, dass es häu­fig nicht nur um die Sache geht, son­dern ganz ande­re Beweg­grün­de eine Rol­le spie­len. Die­se Zusam­men­hän­ge erfor­schen u.a. die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ten, aber auch ande­re Fächer und nicht zuletzt die ver­glei­chen­de Ver­hal­tens­for­schung. Denn Kom­mu­ni­ka­ti­on gibt es unzwei­fel­haft auch im Tier­reich, und die Par­al­le­len zum mensch­li­chen Ver­hal­ten sind offen­sicht­lich. Spra­che im mensch­li­chen Sin­ne ist hier nur rudi­men­tär vor­han­den – umso wich­ti­ger sind Ges­ten und die Deu­tung des sons­ti­gen Ver­hal­tens des Gegen­übers.

Was sagen die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ten? Nach einer aktu­el­len Theo­rie kann man Kom­mu­ni­ka­ti­on unter vier Aspek­ten betrach­ten: Sach­in­halt, Selbst­of­fen­ba­rung, Bezie­hung und Appell“. Danach geht es in einem Gespräch zum einen um die Sache (also zum Bei­spiel um „vir­tu­el­le Revie­re“); zum zwei­ten offen­bart der Spre­cher sei­ne Posi­ti­on (ist er kom­pe­tent? Ver­tritt er eher die Posi­tio­nen der Sozio­lo­gie oder der Bio­lo­gie?); drit­tens macht er durch sein Ver­hal­ten deut­lich, wie er zu dem Gesprächs­part­ner steht (ob er sich zum Bei­spiel für über­le­gen hält); vier­tens lässt er erken­nen, zu was er den ande­ren bewe­gen möch­te (etwa die auf­ge­stell­te Behaup­tung zu glau­ben und danach zu ver­fah­ren). Die­ses Vier-Sei­ten-Modell, das von Frie­de­mann Schulz von Thun 1981 auf­ge­stellt wur­de, ist sehr prag­ma­tisch, lie­ße sich sogar auf höher ent­wi­ckel­te Tie­re anwen­den und hat dar­über hin­aus den Vor­teil, dass es ohne eine Vor­stel­lung von der zu Grun­de lie­gen­den Struk­tur der Akteu­re aus­kommt.

Doch das ein­gangs erwähn­te Bei­spiel lässt sich damit nur unvoll­stän­dig fas­sen, denn hier kommt etwas Zusätz­li­ches ins Spiel: Die Aggres­si­on. Sie sprengt unse­re pro­to­ty­pi­sche Vor­stel­lung von einem Gespräch und zeigt auf, dass Kom­mu­ni­ka­ti­on weit dar­über hin­aus­ge­hen kann. Sie kann auch durch rei­nes, wort­lo­ses Ver­hal­ten erfol­gen. Schwei­gen ist auch eine Bot­schaft. Damit ist nun eine wei­te­re Wis­sen­schaft, die Ver­glei­chen­de Ver­hal­tens­for­schung, ange­spro­chen. Sie wur­de von Kon­rad Lorenz begrün­det und befasst sich mit Ver­hal­ten von Tie­ren, zum Bei­spiel von Men­schen­af­fen, und dem Ver­gleich mit dem Men­schen. Hier sind vor allem Arten inter­es­sant, die wie die Men­schen in Grup­pen leben, was eine ste­ti­ge Ver­stän­di­gung unter­ein­an­der erfor­der­lich macht. Denn das ist ja der Witz bei der Grup­pe: Durch koor­di­nier­tes Han­deln ver­schafft sie sich einen Vor­teil gegen­über soli­tär leben­den Indi­vi­du­en. Doch wie geschieht das ohne Spra­che? Die Erklä­rung ist ein­fach: durch Laut­äu­ße­run­gen, all­ge­mein ver­ständ­li­che Ges­ten, durch Freund­schafts- und Feind­schafts­hand­lun­gen wie Lau­sen, in den Arm neh­men, Bal­zen, Auf­plus­tern, Dro­hen. Man sagt die Din­ge nicht, man bedeu­tet oder zeigt sie.

Ver­gleicht man die­ses Tier­ver­hal­ten nun mit dem Men­schen, so fällt die Ähn­lich­keit ins Auge. Zwar laust man sich nicht (man hat ja auch kein Fell), aber man küsst sich, nimmt sich in den Arm, trös­tet sich, plus­tert sich auf, droht und bag­gert Geschlechts­part­ner an. Die Mana­ger­welt hat, halb scherz­haft, eini­ge die­ser Sicht­wei­sen über­nom­men: dort spricht man von „Mana­ger-Gen“, „Kil­ler-Instinkt“, „Alpha-Männ­chen“.

Wenn das so ist, dass unse­re eige­ne Natur, unse­re archai­sche Instinkt­aus­stat­tung einen Groß­teil einer Aus­ein­an­der­set­zung bestimmt, dann erhebt sich die Fra­ge: Wie wich­tig ist eigent­lich der sach­li­che Gegen­stand des Gesprächs? Ist er viel­leicht nur ein Vor­wand für ein längst fäl­li­ges Kräf­te­mes­sen? Dann wäre die Fra­ge nach den Zie­len des „Kamp­fes“ und den Mit­teln, die wir dabei ein­set­zen, inter­es­sant. Wenn wir uns die Mühe machen, die Lite­ra­tur über Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ver­hal­ten – Mensch und Tier ein­schlie­ßend – zu durch­fors­ten, kom­men wir etwa auf fol­gen­de Beweg­grün­de:

(1) Her­stel­lung oder Ver­tei­di­gung eines ört­li­chen Besit­zes (z.B. Revier)

(2) Her­stel­lung oder Ver­tei­di­gung eines Ran­ges in der Gemein­schaft

(3) Durch­set­zung bei der Kon­kur­renz um einen Sexu­al­part­ner

(4) Durch­set­zung gegen­über Nah­rungs­kon­kur­ren­ten

(5) Abwehr von Freß­fein­den

(6) Bei­stand für ande­re

(7) Macht­aus­übung für ande­re

(8) Ver­gel­tung für erlit­te­ne Nie­der­la­gen

(9) Neurotisch/​psychotische For­men, z.B. Objekt­ver­schie­bung, Abfuhr inne­rer Span­nung, Sadis­mus

(10) Selbst­über­hö­hung, z.B. Impo­nier­ge­ha­be wie Prunken/​Protzen, Auf­plus­tern, Stol­zie­ren.

Die­se Ver­hal­tens­wei­sen gehen bei Mensch und Tier mit zahl­rei­chen bestä­ti­gen­den Ges­ten ein­her (z.B. dro­hen­de Mimik, gesträub­te Nacken­haa­re, peit­schen­der Schwanz), sodass in der Regel erkannt wer­den kann, ob die ver­meint­li­che Aggres­si­on absicht­lich oder aus Ver­se­hen statt­fin­det. Hun­de erken­nen zum Bei­spiel recht gut, ob ein Art­ge­nos­se (oder ihr Frauchen/​Herrchen) sie wil­lent­lich foult oder zufäl­lig anrem­pelt. Auf die­se Wei­se lässt sich auch spie­le­ri­sche Aggres­si­on von ernst­ge­mein­ter unter­schei­den. Die Absicht ist somit ein wesent­li­cher Fak­tor der Aggres­si­on; ein völ­lig empa­thie­lo­ses Wesen – wie man sich z.B. bedroh­li­che Ali­ens vor­stellt – wäre dem­nach nicht aggres­siv bzw. so aggres­siv wie eine Kuh, die beim Gra­sen ver­se­hent­lich eine Schne­cke ver­speist.

All die­se Ver­hal­tens­mus­ter las­sen sich recht gut auf Men­schen anwen­den. Anders aus­ge­drückt: Wenn wir uns die Spra­che und das abs­trak­te Den­ken weg­den­ken wür­den, wäre das, was bleibt, dem Ver­hal­ten z.B. von Schim­pan­sen sehr ähn­lich. Viel­leicht ver­gleichs­wei­se etwas ver­küm­mert, weil wir ja auf die Spra­che zurück­grei­fen kön­nen. Wir soll­ten uns bei der Betrach­tung des Men­schen immer auch fra­gen, wie sich das Pro­blem bei einem höhe­ren Tier dar­stellt – und über­le­gen, ob dar­in auch nicht die Erklä­rung für unser Ver­hal­ten liegt. Einen sol­chen „inte­grier­ten Ansatz“ der Anthro­po­lo­gie ver­fol­gen aktu­ell zum Bei­spiel Frans de Waal2 und Tho­mas Sud­den­dorf3

Wenn bis­her der Ein­druck ent­stan­den ist, ich wol­le Mensch und Tier gleich­set­zen, so muss ich das demen­tie­ren. Ich mei­ne nur, dass wir ähn­li­cher sind, als wir zuwei­len wahr­ha­ben wol­len. Und möch­te hin­zu­fü­gen: Das ist sehr beru­hi­gend. Denn die Bes­tie in uns ist der Mensch, nicht das Tier. Der Holo­kaust ist aus Theo­rien ent­stan­den, begin­nend bei Dar­win und dann ganz Euro­pa über­span­nend – weni­ger aus gene­tisch oder epi­ge­ne­tisch ange­leg­tem Ver­hal­ten. Doch die­ses kann der Mensch in weit höhe­rem Maße als Tie­re über­for­men oder ganz und gar umkeh­ren – bis hin zu sei­nem Frei­tod. Inso­fern soll­te man m.E. auch allen Umer­zie­hungs­ver­su­chen, die aktu­ell von Poli­tik und Medi­en aus­ge­hen, wegen ihrer Theo­rie­las­tig­keit mit gro­ßer Vor­sicht begeg­nen.

Die­se geis­ti­ge Ebe­ne, die uns von den Tie­ren unter­schei­det, in der wir mit Begrif­fen und Vor­stel­lun­gen logisch ope­rie­ren und schluss­fol­gern kön­nen, in der wir per Fan­ta­sie zukünf­ti­ge und ver­gan­ge­ne Abläu­fe simu­lie­ren, in der wir die Fremd­per­spek­ti­ve ein­neh­men und uns von außen, qua­si als Ali­en, betrach­ten und ver­glei­chen kön­nen, in der wir uns selbst bewusst sind und Kul­tur schaf­fen – in die­se Ebe­ne flie­ßen unse­re archa­isch-instink­ti­ven Ver­hal­tens­mus­ter nicht nur in sub­li­mier­ter, also kul­ti­vier­ter Form à la Freud ein, son­dern auch ganz direkt. Wir prot­zen mit unse­rem Besitz, wir ver­tei­di­gen ihn, wir wol­len Ange­hö­ri­gen des ande­ren Geschlechts impo­nie­ren, wir schüch­tern Geg­ner ein, wir geben Zei­chen, dass wir gleich aus der Haut fah­ren wer­den, wir schla­gen im Ernst­fall zu. Hier muss noch ein­mal klar­ge­stellt wer­den, dass ich hier nur den aggres­si­ven Streit­fall betrach­te. Natür­lich gibt es auch die Situa­ti­on – und die ist ver­mut­lich wesent­lich häu­fi­ger – des Ein­ver­neh­mens, des Abfin­dens mit der Macht, der Hil­fe­leis­tung (z.B. gegen­über Kin­dern). Der Fokus wur­de auf die­se Art der Aus­ein­an­der­set­zung gelegt, weil es ja um den Wider­spruch geht – bei Hegel, in den Din­gen und im Dia­log.

Wenn sich in unse­rer geis­ti­gen Sphä­re die rea­le Welt spie­gelt – und wenn wir dar­in der­ar­tig aktiv sind, als wür­den wir uns in der Wirk­lich­keit befin­den – dann wer­den wir auch mit abs­trak­ten Mit­teln um abs­trak­te Posi­tio­nen kämp­fen, als gin­ge es um ein kon­kre­tes Revier oder um eine grup­pen­spe­zi­fi­sche Rang­ord­nung. Das nicht kon­kre­te – also „vir­tu­el­le“ – Revier ist dabei beson­ders fas­zi­nie­rend, weil, ein­mal gedacht, man es über­all wie­der­fin­den kann.

Zunächst ein­mal hält die mensch­li­che Gesell­schaft eine Men­ge vor­ge­form­ter „Revie­re“ bereit oder erkennt sie an: Beru­fe, Funk­tio­nen, Sach­ge­bie­te, geis­ti­ge und kör­per­li­che Fähig­kei­ten. Es sind Metiers oder auch Kom­pe­tenz­be­rei­che. In allen kann man Exper­te bzw. Exper­tin wer­den, qua­si wie ein König oder eine Köni­gin über ein klei­nes Reich von Wis­sen und Fähig­kei­ten herr­schen. Ein Reich, das man sich ungern von ande­ren strei­tig machen lässt. Denn das könn­te sich – wie im Tier­reich – kar­rie­re­schäd­lich aus­wir­ken. Wenn es aber nicht gelingt, Herr­scher im eige­nen Reich zu wer­den, weil z.B. Mäch­ti­ge­re da sind, die einem nur ein unbe­deu­ten­des Plätz­chen unter sich gön­nen, dann hat man als Mensch die Mög­lich­keit, sich ein völ­lig neu­es Revier her­bei­zu­de­fi­nie­ren. Man wird Exper­te für Star­wars, in einem Com­pu­ter­spiel, züch­tet eine neue Sor­te Gän­se­blüm­chen, wird Hob­by­his­to­ri­ker für die nähe­re Umge­bung, erfin­det ein neu­es Gerät, wird eso­te­ri­scher Hei­ler oder Hei­le­rin. Der Witz bei der Sache ist der Über­ra­schungs­ef­fekt: Bevor die ande­ren etwas mer­ken, hat man schon sei­nen Platz befes­tigt, sich mit den Waf­fen des Wis­sens und der Argu­men­te ver­sorgt und bei Bewun­de­rern Aner­ken­nung erwor­ben. Und man genießt den Vor­teil, dass ande­re wahr­schein­lich ein gerin­ges Inter­es­se zei­gen, einem das Ter­rain abzu­ja­gen. Dabei ist man sich kaum bewusst, dass das Gan­ze nur zum klei­nen Teil die Fol­ge einer glän­zen­den Idee oder zufäl­li­gen Wis­sens ist, hin­ge­gen zum grö­ße­ren Teil unbe­wusst durch unse­re Instink­te gesteu­ert wird.

Einen mög­li­chen Nut­zen des Kon­zepts der krea­ti­ven vir­tu­el­len Revie­re sehe ich zum Bei­spiel in der the­ra­peu­ti­schen Anwen­dung: Pro­ble­ma­ti­sche, z.B. gehan­di­cap­te Per­so­nen, die in der kon­ven­tio­nel­len Welt nur gerin­ge Chan­cen haben, kön­nen sich hier einen Bereich posi­ti­ver Rück­mel­dung schaf­fen. Man den­ke z.B. an die Reso­zia­li­sie­rung straf­fäl­lig Gewor­de­ner oder Unter­pri­vi­le­gier­ter durch Sport oder Musik.

Nun ist das Revier­mo­dell nur ein gro­bes Sche­ma, das auch in der frei­en Natur meist nicht in rei­ner Form vor­kommt (1 Indi­vi­du­um in 1 Revier). Zudem kann die Struk­tur einer Popu­la­ti­on in Fol­ge ver­schie­de­ner Fak­to­ren vari­ie­ren. So geben etwa Bunt­bar­sche, als revier­bil­den­de Tier­fa­mi­lie bekannt, im Aqua­ri­um bei zu gro­ßer Fisch­dich­te ihre Revie­re auf und bil­den eine Art Schwarm (oder eher ein Gewim­mel), in dem es wesent­lich fried­li­cher zugeht als zuvor. Der Auf­wand, ein Revier zu ver­tei­di­gen, lohnt sich nicht, wenn zuvie­le Indi­vi­du­en da sind, die es ein­fach igno­rie­ren. So kann man auch beim Men­schen alle For­men sozia­ler Struk­tu­ren beob­ach­ten. Als Bei­spiel sei die „Gefolg­schaft“ genannt: Jemand iden­ti­fi­ziert sich – frei­wil­lig oder gezwun­gen – mit einer mäch­ti­gen Per­son und han­delt in deren Sin­ne. Oder die Freund­schaft: Jemand ver­tei­digt einen ande­ren vor Gefahr. Die Paar­bil­dung. Etc. etc.

Was will ich damit sagen? Zum einen, dass der archai­sche Unter­bau mit sei­nen Instink­ten beim Men­schen eine viel grö­ße­re Rol­le spielt als all­ge­mein ange­nom­men. Und dass er in allen Tei­len der Per­sön­lich­keit – ICH, ÜBERICH, ES – unbe­wusst auf uns ein­wirkt. Und das ist gut so.

Zum ande­ren, dass es sich bei der Dia­lek­tik nach Hel­gel, spä­ter auch Marx, um die Wider­spie­ge­lung unse­re­r­es eige­nen, oft aggres­si­ven Ver­hal­tens han­delt. Denn ein Wider­spruch ist prin­zi­pi­ell ein Aus­druck von Aggres­si­vi­tät. Er liegt nicht in den Din­gen und bewegt nicht die Welt, son­dern wir sind es, die den Objek­ten unter­schied­li­che Bedeu­tun­gen bei­mes­sen und uns gegen­sei­tig wider­spre­chen. Und damit auch die Ent­wick­lung vor­an­trei­ben. Solan­ge wir uns treu blei­ben – zum Guten.

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1 F.W. Hegel, Enzy­klo­pä­die der phi­lo­so­phi­schen Wis­sen­schaf­ten I, Suhr­kamp, 246f.
2Frans de Waal, Pri­ma­ten und Phi­lo­so­phen, dtv 2011
3Tho­mas Sud­den­dorf, Der Unter­schied – was den Men­schen zum Men­schen macht, Ber­lin-Ver­lag 2014

 1. Hyper­mo­der­ne
10.2.2018

Uns geht es doch gut! Die Fest­stel­lung wäre harm­los, wäre da nicht das Wört­chen „doch“. Es ist ver­rä­te­risch, lässt eine klei­ne Unsi­cher­heit mit­schwin­gen. Sicher, mate­ri­ell geht es den meis­ten Men­schen in Deutsch­land so gut wie nie. Die Wirt­schaft brummt, die Steu­er­ein­nah­men wuchern, stän­dig über­schwem­men neue Pro­duk­te die Märk­te und fin­den Ein­gang in unser Leben. Aber auch die Kul­tur­sze­ne blüht, sowohl die hohe Kunst als auch zahl­lo­se regio­na­le Initia­ti­ven, die zur krea­ti­ven Betä­ti­gung ein­la­den. Das alles ist begrü­ßens­wert.

Doch sei es, dass unse­re Sen­si­bi­li­tät zuge­nom­men hat, sei es, dass der Zustand der Welt sich tat­säch­lich immer kri­ti­scher ent­wi­ckelt – das Gefühl einer all­ge­mei­nen Unge­wiss­heit wächst. Meist dumpf nur, weil ver­drängt, aber immer häu­fi­ger auch benannt. Poli­tik und Medi­en bie­ten dabei ein unglück­li­ches Bild – ihre Deu­tun­gen sind oft wider­sprüch­lich oder gera­de­zu unver­ein­bar. Dabei hilft es wenig, wenn auf die Sub­jek­ti­vi­tät aller Wahr­neh­mung hin­ge­wie­sen wird und Tat­sa­chen zuwei­len als „gefühl­te Fak­ten“ prä­sen­tiert wer­den. Schnell stellt sich der Ein­druck ein, hier sol­le einem etwas unter­ge­ju­belt wer­den.

Nun hat es dies aber immer schon gege­ben. „Man soll nicht alles glau­ben, was man hört“, sag­te schon Cice­ro im alten Rom. Auch im Nach­kriegs­deutsch­land wur­de – wie über­all auf der Welt – selek­tiv berich­tet, teils aus Tra­di­ti­on, teils aus Absicht, und auch damals gab es Kri­tik an den Medi­en. Hat sich also im Grun­de wenig ver­än­dert? Oder ste­hen hin­ter den dif­fu­sen Wahr­neh­mun­gen in Wirk­lich­keit tief­grei­fen­de, umwäl­zen­de Pro­zes­se? Pro­zes­se, die es gar gerecht­fer­tigt erschei­nen las­sen, von einer neu­en, eigen­stän­di­gen Epo­che zu spre­chen? Ich mei­ne: ja.

Ich will dies an vier Fak­to­ren fest­ma­chen.
- an der Digi­ta­li­sie­rung
- an den Ent­wick­lun­gen im makro-mole­ku­la­ren Bereich
- an der tech­nik­in­du­zier­ten Wesens­ver­än­de­rung

- an der Mei­nungs-Maschi­ne­rie

 (1) Die DIGITALISIERUNG ver­än­dert unser Leben grund­le­gend – unse­re Wahr­neh­mung, unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­on, unser pri­va­tes und gesell­schaft­li­ches Zusam­men­le­ben, unse­re Wirt­schaft, nicht zuletzt auch unse­re Waf­fen­tech­nik. Dafür ste­hen u.a. das Han­dy, das Inter­net, die sozia­len Medi­en, die Über­wa­chung, die Indus­trie­ro­bo­tik, die 3‑D-Dru­cker, die EMP-Waf­fen. Immer mehr Appa­ra­te agie­ren auto­nom, also ohne mensch­li­ches Zutun. Das selbst­fah­ren­de Auto parkt schon vor der Türe, der auto­no­me Staub­sauger putzt uner­müd­lich, sein Cross­coun­try-Bru­der stutzt den Rasen. Die Andro­iden wer­den immer intel­li­gen­ter und spie­len Schach oder Fuß­ball. Der Trend geht dahin, dass die Maschi­nen auch mit­ein­an­der selb­stän­dig agie­ren, Inter­net 4.0 bzw. Indus­trie 4.0 heißt das Nah­ziel. Am Ende steht die voll­au­to­ma­ti­sche Fabrik, die Erle­di­gung der indi­vi­du­ell-prak­ti­schen Arbeit durch Andro­iden, der voll­au­to­ma­ti­sche Krieg. Die­ses Kon­strukt ist so stö­rungs­an­fäl­lig, dass es einer stän­di­gen und lücken­lo­sen Über­wa­chung durch Big Brot­her bedarf. Das alles sind Din­ge, die das Poten­zi­al haben, unse­re Gesell­schafts- und Wirt­schafts­ord­nung zu spren­gen.

(2) Im MAKRO-MOLEKULAREN BEREICH tut sich Ähn­li­ches. Die Gen­tech­nik greift tief in die Natur ein, ver­än­dert Lebe­we­sen, macht schwe­re Lei­den und Miss­bil­dun­gen heil­bar, „opti­miert“ Land- und Forst­wirt­schaft und damit unse­re Ernäh­rung. Bio­tech­no­lo­gie züch­tet Orga­ne in der Petri­scha­le und setzt Mikro­ben auf brei­ter Front für indus­tri­el­le Fer­ti­gungs­pro­zes­se und öko­lo­gi­sche Steue­rung ein. Nano­tech­no­lo­gie pro­du­ziert Maschi­nen in Mole­kül­grö­ße, deren Ein­satz­mög­lich­kei­ten in der Medi­zin und Indus­trie­pro­duk­ti­on schier unend­lich erschei­nen, sowie neue Mate­ria­li­en und Pro­duk­tei­gen­schaf­ten. Geneh­mi­gungs­be­hör­den und Ethik­kom­mis­sio­nen ver­su­chen, die­se Ent­wick­lung in einem ethisch und öko­lo­gisch ver­tret­ba­ren Rah­men zu hal­ten, doch die Welt ist vol­ler Schlupf­lö­cher und die For­schung der Regle­men­tie­rung a prio­ri immer einen Schritt vor­aus.

(3) In Fol­ge die­ser Ent­wick­lun­gen unter­lie­gen wir einer WESENSVERÄNDERUNG. Die neu­en Tech­no­lo­gien, ins­be­son­de­re die­je­ni­gen der Kom­mu­ni­ka­ti­on, zie­hen uns in ihren Bann und drü­cken uns ihre Struk­tu­ren und Rou­ti­nen ins Gehirn. Wir wol­len stän­dig online sein, glo­bal prä­sent, umfas­send infor­miert, digi­tal sou­ve­rän – und wer­den inmit­ten der ein­sei­ti­gen Reiz­über­flu­tung doch auf uns selbst zurück­ge­wor­fen. Denn es feh­len die Außen­rei­ze, die Sin­nes­ein­drü­cke, die Stö­run­gen, das Ange­spro­chen wer­den, das kör­per­li­che Reagie­ren­müs­sen, das Deu­ten von Mimik und Ges­ten, das Lesen zwi­schen den Zei­len. Dazu kommt, dass wir uns vor der Elek­tro­nik nicht ver­stel­len müs­sen – der Com­pu­ter inter­es­siert sich nicht für unse­re Neu­ro­sen und Kom­ple­xe. Das ist befrei­end und ein Sucht­fak­tor. Aus die­ser unmerk­li­chen Meta­mor­pho­se gehen wir als „Nerds“ her­vor, als Zwit­ter­we­sen zwi­schen Com­pu­ter­freak und Autist. Einer­seits haben wir die größ­te Fül­le an Infor­ma­ti­on, die ein­zel­ne Men­schen je hat­ten; ande­rer­seits sind wir immer weni­ger in der Lage, das Dar­ge­bo­te­ne zu deu­ten und zu bewer­ten. Aus die­sem Man­gel her­aus nei­gen wir zu mora­li­sie­ren­den statt funk­tio­na­len Schlüs­sen, zu emo­tio­na­len statt emp­find­sa­men Gefühls­äu­ße­run­gen. Aus see­li­scher Ver­ödung her­aus ver­hal­ten wir uns scha­blo­nen­haft und fol­gen schein­bar gesi­cher­ten Mar­ken und Paro­len.

(4) Nahe­zu kom­ple­men­tär zum Ner­dis­mus hat sich die MEINUNGS-MASCHINERIE ent­wi­ckelt. Mit dem Sieg des Kapi­ta­lis­mus über den Sozia­lis­mus – mark­tiert letzt­lich durch den Mau­er­fall – hat in der west­li­chen Welt kaum merk­lich ein Para­dig­men­wech­sel der Mei­nungs- und Medi­en­welt statt­ge­fun­den; ein neu­er Zeit­geist betrat die Büh­ne, der eine ande­re Spra­che spricht als sein Vor­gän­ger und nur schwer zu fas­sen ist. Zwar hat­te es der­ar­ti­ge Erschei­nun­gen auch schon vor­her gege­ben, doch errei­chen sie nun eine neue, sys­te­ma­ti­sche Qua­li­tät. War man bei­spiels­wei­se frü­her auf­ge­for­dert, sei­nen Ärger zu äußern und Kon­flik­te aus­zu­tra­gen, so gel­ten nun die Tole­ranz und Höf­lich­keit als höchs­te Norm. Kri­ti­sche Ein­stel­lung wird durch „Akzep­tanz“ ersetzt und Ver­wei­ge­rung, einst essen­ti­ell für die Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung („man muss auch nein sagen kön­nen!“), durch Kon­for­mis­mus. Neu­er Mora­lis­mus gip­felt in der stän­di­gen War­nung vor Nazi­tum, Ras­sis­mus und Spal­tung der Gesell­schaft. Dem „gesell­schaft­li­chen Dis­kurs“ wird plötz­lich Vor­rang ein­ge­räumt vor der Macht der Ver­hält­nis­se; dar­aus erwächst der Hang, das Ver­hal­ten der Men­schen mit­tels Spra­che zu steu­ern: „Poli­ti­sche Kor­rekt­ness“ heißt jetzt die Paro­le. (Bei­spie­le sind die poli­tisch moti­vier­ten „Wörter/​Unwörter des Jah­res“.) Der Rea­li­täts­be­griff wird gene­rell in Zwei­fel gezo­gen; man spricht statt des­sen von „Erzäh­lun­gen“. – Die Lis­te könn­te noch eine Wei­le fort­ge­setzt wer­den, zum Bei­spiel um Tra­di­ti­ons- und Tabu­bruch, Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und Glo­ba­lis­mus. Sie ist umso bedenk­li­cher, als ihr der neue Wesens­typ des ana­log ent­wur­zel­ten Nerds wie geru­fen ent­ge­gen­kommt.

Die oben auf­ge­führ­ten vier Punk­te wären, jeder für sich genom­men, sicher noch kein Anlass, von einer neu­en Epo­che zu spre­chen. Es ist die Wucht, mit der die­se Pro­zes­se durch­star­ten und gegen­sei­tig antrei­ben, und es ist die viel­fa­che Grenz­über­schrei­tung, die sie dabei bege­hen, die einen neu­en Begriff for­dern. Die Ver­än­de­rung hat m.E. begon­nen, als die Ber­li­ner Mau­er fiel und das Inter­net sei­nen Sie­ges­zug antrat.

Doch wie könn­te man die­se neue Zeit, die unse­re Gegen­wart ist, benen­nen? Ver­schie­de­ne Begrif­fe sind bereits im Gespräch, wie „Gegen­mo­der­ne“, „Super­mo­der­ne“, „Hyper­mo­der­ne“, „Meta­mo­der­ne“, „Alter­mo­der­ne“, „Zwei­te Moder­ne“, „Welt­mo­der­ne“, „Tur­bo­mo­der­ne“. Die Viel­falt der Vor­schlä­ge macht deut­lich, wie dring­lich vie­len Autoren die Namens­ge­bung erscheint.

Ich möch­te mich dem Begriff „Hyper­mo­der­ne“ anschlie­ßen. Das Prä­fix „Hyper“ taucht aktu­ell schon zur Kenn­zeich­nung von par­ti­el­len Ent­wick­lun­gen in der­ar­tig vie­len Publi­ka­tio­nen auf („Hyper-Moral“, „Hyper-Ver­net­zung“, „Hyper-Per­so­na­li­sie­rung“, „Hyper-His­to­rie“ etc.), dass man schlech­ter­dings kaum noch dar­an vor­bei­kommt. Sei­ne Bedeu­tung die­ses aus dem Alt­grie­chi­schen stam­men­den Wort­teils ist laut Duden „über, über­mä­ßig groß, über­trie­ben“. Wik­tio­na­ry fügt noch „mehr als rich­tig, gut oder nor­mal“ hin­zu. Hyper­to­nie ist ein Blut­druck „über der Norm“, ein Druck, der auf die Dau­er scha­det. So ver­ste­he ich auch die Hyper­mo­der­ne. Sie ver­län­gert blind die bis­he­ri­gen Ent­wick­lungs­trends, ohne zu berück­sich­ti­gen, dass eine neue Qua­li­täts­stu­fe erreicht wur­de, die ent­spre­chen­de Anstren­gun­gen zu ihrer Steue­rung nötig macht. Poin­tiert for­mu­liert: Wir sehen ruhig zu, wie unse­re Idea­le von Frei­heit, Auf­klä­rung und Demo­kra­tie an Kraft ver­lie­ren, wäh­rend unter­schwel­lig ein robus­ter, tech­no­lo­gie- und kapi­talgesteu­er­ter Pro­zess wei­ter Fahrt auf­nimmt.

Wie der Begriff „Hyper­mo­der­ne“ andeu­tet, han­delt es sich immer noch um eine Form der Moder­ne. Die­se Ära mit ihren Heils­ver­spre­chen – kurz: mehr Wohl­stand durch mehr Tech­nik und mehr Frei­heit – wur­de durch die „Post­mo­der­ne“ nur zum Schein und nur im geis­ti­gen Bereich abge­löst. In Wirk­lich­keit dau­er­te und dau­ert sie an und wird es wei­ter tun, solan­ge die Pro­duk­tiv­kräf­te durch den Kapi­ta­lis­mus ange­feu­ert und zu neu­en Ufern getrie­ben wer­den. Denn die Post­mo­der­ne mit ihrer grund­sätz­li­chen Infra­ge­stel­lung der Moder­ne ist selbst inhalts­los, kann kei­ne eige­nen Trieb­kräf­te ent­fal­ten. Ihr ein­zi­ges Man­tra ist die bun­te Ver­mi­schung des Vor­han­de­nen, was die Men­schen letzt­lich ent­wur­zelt. Damit berei­tet sie den Boden für die Hyper­mo­der­ne und die bereits dif­fus sicht­ba­re Fol­ge-Ära: den Trans­hu­ma­nis­mus.

Bei letz­te­rem, dem Trans­hu­ma­nis­mus, der Welt jen­seits des Mensch­li­chen, für ihre Anhän­ger ein gran­dio­ser Zukunfts­ent­wurf vol­ler unge­ahn­ter Mög­lich­kei­ten, han­delt es sich in mei­nen Augen um eine Wahn­idee, die nur schief­ge­hen kann. Den Men­schen durch bio­tech­ni­sche Mit­tel zu opti­mie­ren (im Sin­ne höhe­rer Leis­tungs­fä­hig­keit) wird sein irdi­sches Glück kaum ver­grö­ßern, son­dern nur die all­ge­mei­ne Kon­kur­renz auf ein höhe­res Game-Level hoch­zo­nen. Ganz zu schwei­gen von der Vor­stel­lung, die Maschi­nen bis zur völ­li­gen Auto­no­mie wei­ter zu ent­wi­ckeln. Ver­lie­rer wer­den die „Nicht­op­ti­mier­ten“ sein, die sich das alles nicht leis­ten kön­nen. Die jet­zi­ge Ära, die Hyper­mo­der­ne, bil­det so gese­hen die Brü­cke zum Trans­hu­ma­nis­mus. Das ist das Fata­le (im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes: Schick­sal­haf­te) an ihr.

Eins bleibt noch anzu­mer­ken: Dem Wort „Hyper­mo­der­ne” haf­tet ein gewis­ser Makel an. Es beschreibt nur das Gesche­hen, nicht das Erwünsch­te – im Gegen­satz zur Moder­ne mit ihren Heils­ver­spre­chen. Inso­fern kann es kaum als Paro­le für ein zukunfts­träch­ti­ges Enga­ge­ment die­nen. Wor­in könn­te dies bestehen?

Es kann nicht dar­um gehen, die Moder­ne abzu­schaf­fen. Dies wider­spricht dem Typi­schen des Homo Sapi­ens, näm­lich sei­ner Inno­va­ti­ons­kraft. Wich­tig erscheint viel­mehr, alle Anstren­gun­gen zu unter­neh­men, den immer schnel­ler fah­ren­den Zug abzu­brem­sen und auf ein ande­res Gleis zu heben. Die­ses muss von einem neu­en Huma­nis­mus geprägt sein, einem Huma­nis­mus, der ange­sichts der bereits ein­ge­tre­te­nen Ent­wick­lun­gen und Erkennt­nis­se über den Men­schen neu defi­niert wer­den muss. Als obers­te Grund­sät­ze wer­den gese­hen:

- Der Mensch muss kör­per­lich und geis­tig so blei­ben, wie er ist. Im Scha­dens­fall darf er medi­zi­nisch wie­der­her­ge­stellt wer­den; eine Opti­mie­rung sei­ner prin­zi­pi­el­len Fähig­kei­ten ist jedoch ver­bo­ten.
- Die natür­li­che Umwelt – auch mit ihren sinn­li­chen Rei­zen – muss erhal­ten oder wie­der­her­ge­stellt wer­den.
- Die tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung muss nach­hal­tig erfol­gen und immer der mensch­li­chen Steue­rung unter­wor­fen blei­ben. Dies gilt auch für die ein­zel­nen Erzeug­nis­se.
- Das „Sys­tem“ muss ein­fach über­schau­bar und trans­pa­rent sein. Aus­gangs­punkt des Den­kens sind die Indi­vi­du­en und klei­nen Gemein­schaf­ten.

Ein Wort für die­se posi­titv-wil­lent­lich gestal­te­te Zeit­span­ne wird drin­gend gebraucht. Denn vor uns gabelt sich der Weg. Wir haben die Wahl

- zwi­schen einer kapi­ta­lis­mus­ge­trie­be­nen tech­ni­schen Welt mit kata­stro­pha­len Brü­chen

- zwi­schen einer huma­nen Welt, die dem Spruch des Phi­lo­so­phen Rus­sel folgt1:

Das gute Leben ist von Lie­be beseelt
Und von Wis­sen gelei­tet.

1 Bert­rand Rus­sel, War­um ich kein Christ bin, Rein­bek bei Ham­burg 1968, S. 64